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GOTT sprengt alle Gottesbilder
„denn Gott bin ich und nicht Mann“ 

Exegetische Hinweise zu Hosea 11,1-9

      Der Titelsatz „denn Gott bin ich und nicht Mann“steht im 11. Kapitel im Hoseabuch. Zum ganzen Text nachfolgend einige Verständnishilfen:
      Hosea wirkte im 8. Jh. vor Chr.. Es ist der einzige Prophet, der seiner Herkunft nach aus dem Nordreich Israel stammt. Das Nordreich Israel wurde 722 v.Chr. von den Assyrern zerstört. Das Südreich Juda ging erst 120 Jahre später unter mit der Einnahme Jerusalems 597 durch die Babylonier und 586 durch die Zerstörung des Tempels.
      Der Prophet Hosea hat etwa 25 Jahre lang gewirkt, und zwar vor dem Untergang des Nordreichs, also vor 722. Unser Kapitel 11 fällt unter die Spätzeit seines Wirkens, also in die Zeit, da der Untergang Israels schon deutlich zu erkennen ist. Für Hosea steht fest, dass Israel den Untergang verdient hat, dass das nahe Ende die Quittung für das Verhalten des Volkes ist.
      Das Kapitel 11 ist so etwas wie die Quintessenz eines langen und schmerzlichen Prophetendaseins.
      Das Kapitel 11 ist in der Ich-Rede Gottes gehalten. Als literarische Gattung kann man es als eine geschichtstheologische Anklagerede bezeichnen.
      Wie verhält sich nun der Gott Hoseas gegenüber dem störrischen, undankbaren Israel? Was wird in diesem Kapitel über Gott gesagt?
      Um das zu klären lesen wir nun den Text! in der Übersetzung von Helen Schüngel-Straumann.

 

 Hosea 11, 1-9

1) Als Israel jung war, gewann ich ihn lieb,
    aus Ägypten rief ich meinen Sohn.

                    2) Doch wie ich sie rief,
                        so liefen sie von mir weg,
                        den Baalen opferten sie,
                        und den Bildern räucherten sie.

3) Dabei habe ich doch Efraim gestillt,
    indem ich ihn auf meine Arme nahm.
    Sie jedoch begriffen nicht,
    dass ich sie pflegte.

                    4) Mit menschlichen Seilen zog ich sie,
                        mit Stricken der Liebe.
                        Und ich war für sie wie solche,
                        die einen Säugling an ihren Busen heben,
                        und ich neigte mich zu ihm,
                        um ihm zu essen zu geben.

5) Zurück muss er nach Ägyptenland,
    und Assur wird sein König sein,
    weil sie sich weigerten, umzukehren.

                    6) Und das Schwert wird in seinen Städten wüten
                        und seine Schwätzer vertilgen,
                        und sie werden aufessen müssen,
                        was sie sich eingebrockt haben.

7) Aber mein Volk hält fest am Abfall von mir:
    Zum Baal ruft man,
    aber der zieht sie nie und nimmer gross.

                    8) Wie soll ich dich preisgeben, Efraim?
                        ich dich aufgeben, Israel?
                        Wie kann ich dich preisgeben wie Adma?
                        dich behandeln wie Zeboim?

Es kehrt sich gegen mich mein Herz,
ganz und gar ist entbrannt mein Mutterschoss.

9) Nicht kann ich meinen glühenden Zorn vollstrecken,
    nicht kann ich (mein Inneres) nochmals umkehren,
    um Efraim zu verderben.
                        Denn Gott bin ich (el) und nicht Mann (isch),
                        in deiner Mitte heilig (qadosch),
                        und nicht komme ich, um zu zerstören.
                        Übersetzung von Helen Schüngel-Straumann

 

 Einige Beobachtungen zum Text

Vers 3: das hebr. Verb in der ersten Zeile von Vers 3 kommt in der Bibel nur einmal vor; es wird meist mit „gehen lehren“ oder „laufen lehren“ übersetzt. Die Übersetzung „gestillt“ findet sich nur bei Helen Schüngel-Straumann. Sie sagt dazu: Die übliche Übersetzung mit „laufen lehren“ ist unsinnig, weil die Fortsetzung „indem ich ihn auf die Arme nahm“ völlig eindeutig ist. Kinder aber kann man nicht dadurch laufen lehren, indem man sie auf die Arme nimmt. Darüber hinaus wird der Vorgang des Stillens in V 4 weiter beschrieben mit der typischen Haltung der Frau, die sich leicht neigt, während der Säugling trinkt.
      Weiter hat man klar festgestellt, dass das Mutter-Kind-Motiv, das in unserem Text sprachlich wiedergegeben wird, eine beträchtliche literarische und ikonographische Ausbreitung im alten Vorderasien hatte. Ferner ist auch bekannt, dass die mütterlichen Bilder von Hosea 11 erstaunlich nahe Parallelen in den neuassyrischen Prophetensprüchen haben.
      Es kann drum wohl nicht mehr bezweifelt werden, dass Hosea im ersten Teil von Kap 11 das Bild einer Mutter vor Augen hat, die ihr Kind ernährt, tröstet und grosszieht. Dies liegt nicht bloss an einem Verb, das hier mit „stillen“ übersetzt wird, sondern an dem ganzen Duktus des Textes.

Vers 7: Von Baal (Fruchtbarkeitsgott) wird gesagt, dass er das, was die Mutter ADONAI tut, nämlich das Kind grossziehen und zur Selbständigkeit und Freiheit bringen, ganz und gar nicht kann. Er tut es nicht, aber er kann es auch gar nicht. Wenn Israel darum seine Hoffnungen auf Baal mit seinen Naturkräften richtet, geht es fehl und bringt sich selbst um seine wahre Existenz.
      Efraim: Zweiter Sohn von Josef in Ägypten mit dem Erstgeburtssegen von Jaakob; Stammvater der Efraimiter mit Stammegebiet zwischen Bet-El und Sichem.
      Israel: Mit Israel bezeichnet die Bibel entweder das gesamte Zwölfstämmevolk oder (später) dass Nordreich in Absetzung zu Juda (Südreich).
      Adma und Zeboim sind zwei Städte, die in der hebräischen Bibelmeist neben den von Gott vernichteten Städten Sodom und Gomorrha genannt werden; zu lokalisieren wahrscheinlich am Südostende des Toten Meeres.
      Trotz der starken und eindeutigen mütterlichen Bildern verwendet der Prophet allerdings im ganzen Abschnitt nie die Bezeichnung Mutter. Aber auch der Vaterbegriff fehlt völlig.
      In seinem Kampf gegenüber kanaanäischen Naturgöttern war es für den Propheten ausserordentlich schwierig, nicht missverstanden zu werden. Hos 11,1-7 verwendet durchgängig die Polarität Mutter-Sohn in einem eindrücklichen Bild, vermeidet aber das Substantiv Mutter.

Vers 9: ADONAI, die mütterliche Gottheit, bringt es nicht über sich, die gerechte Strafe an ihrem Sohn Israel  zu vollstrecken, weil sich ihr eigenes Inneres mit drastisch dargestellten mütterlichen Gefühlen dagegen wehrt.
      Die Begründung für dieses unerwartete und ungewöhnliche Handeln wird im Vers 9 gegeben, dem Höhepunkt des Textes.
      El und isch, Gott und Mann werden einander entgegengesetzt, und zwar als Begründung für das vorher Beschriebene, also für den Umsturz im Innern Gottes. Gott handelt so, weil er nicht Mann ist. Von einem Mann wäre zu erwarten, dass er konsequent seinen Zorn vollstreckt, dass er seinen einmal gefassten  (gerechten) Vernichtungsplan durchführt.
      „Denn Gott bin ich und nicht Mann“ ist eine ganz prägnante Entgegensetzung. In Kommentaren und Übersetzungen wird jedoch die prägnante Aussage  in einen Gegensatz Gott – Mensch (El – Adam) eingeebnet. „Mann wird in allen Auslegungen und in fast allen Übersetzungen  einfachhin zu „Mensch“ verallgemeinert. Hos 11 spricht aber nicht vom allgemein menschlichen Verhalten, sondern von spezifisch männlichem. Und das bis heute. Martin Buber war wohl der erste, der die adäquate Übersetzung mit „Mann“ brachte.
      Hosea will hier nicht einfach menschliches Handeln vom göttlichen abheben – dafür hätte er andere Begriffe gebrauchen müssen; Hosea will vielmehr göttliches Verhalten von männlichem absetzen. Männliches Verhalten bedeutet hier: „verderben“ und „den glühenden Zorn vollstrecken“. Von diesem männlichen Verhalten, nämlich die Strafe konsequent durchzusetzen, die für Israel den Untergang bedeutet, setzt sich ADONAI in Hosea 11 ab. Er/sie handelt wesentlich anders, nämlich geradezu masslos inkonsequent!
      Hosea braucht den Begriff „isch“ zehnmal, und zwar immer im Sinne von Ehemann, jedermann, Gottesmann. Nie schliesst der Begriff Frauen ein.
      In Hos 11 wird weiblich/mütterliches Verhalten als positiv/bewahrend, männliches Verhalten als negativ/zerstörerisch bezeichnet. Dies ist schlicht eine menschliche Erfahrung: dass nämlich eine Mutter das nicht preisgeben kann, was sie geboren hat und wofür sie verantwortlich ist. Hosea redet hier auch in Bildern – anders kann von Gott sowieso nicht geredet werden.
      ADONAI als Mutter ist für den Propheten Hosea ein gültiges Gottesbild, das für alle, Männer und Frauen, da ist. Man kann  nicht männliche gegen weibliche Gottheiten ausspielen. Dieses mütterliche Bild verwendet Hosea genau so selbstverständlich wie an anderer Stelle das Bild  von ADONAI als Ehemann, der Israel, der ungetreuen Ehefrau, gegenübersteht.
      Mehrere Hinweise stammen aus dem anregenden Buch von Helen Schüngel-Straumann, Denn Gott bin ich, und kein Mann, Mathias-Grünewald-Verlag, Mainz, 1996.

Abschliessende Überlegungen

Was kann uns Hos 11,1-9 sagen für unsere Gottesvorstellung und unser Gottesbild?

- Gott will unser Leben.

- In der Auseinandersetzung: Ideale Vorstellung von Menschsein oder konkrete Wirklichkeit des
  Menschen ist
Gott auf der Seite der konkreten Wirklichkeit. (Vgl. dazu heute die Diskussion über
  Ausschluss von Geschiedenen)

- GOTT ist der Heilige, das bedeutet auch der ganz Andere: Gott ist Person, aber mehr als Person;
  GOTT ist nicht in unsere Begriffe und Vorstellungen einzufangen.

- Gott ist nicht da, um uns zu zerstören, sondern damit wir Leben haben.

- Gott sprengt alle Gottesbilder!

      Bedenkenswert ist dazu der Ausspruch eines modernen Physikers: „Ich glaube nicht an euren Gott; ich glaube an etwas viel Tieferes.“

 

Hans Schwegler