St. Annakirche

Predigt Gedanken

3. Sonntag im Jahreskreis C

Samstag / Sonntag
26. / 27. Januar 2019

 

Einführung in die Lesung 

      In der heutigen Lesung hören wir, wie die Juden  schon im 

5. Jh. v.Chr. mit ihren heiligen Schriften umgegangen sind. Uns wird da erzählt, wie der Priester Esra dem versammelten Volk, Männer und Frauen die Weisung Gottes, die Tora, dem Volk vorgetragen hat, und wie man dazu Erklärungen abgab, also predigte, sodass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten.

      Bemerkenswert ist, dass Jesus, 4 Jahrhunderte später, diese Art Gottesdienst miterlebt und mitgemacht hat. Und für uns Christen ist wichtig, zu erkennen, dass wir unseren Gottesdienst nicht selbst erfunden, sondern vom jüdischen Glauben, Beten und Feiern überkommen haben. 

      Wozu all dieses religiöse Tun, Beten und Feiern ? Der biblische Text versichert: Freude an GOTT ist unsere Stärke! Hören wir gut!

 

Lesung aus dem Buch Nehemia

(Nehemia 8,2-4a.5-6.8-10)

 

      In jenen Tagen brachte der Priester Esra das Gesetz vor die Versammlung; zu ihr gehörten die Männer und die Frauen und alle, die das Gesetz verstehen konnten. Vom frühen Morgen bis zum Mittag las Esra auf dem Platz vor dem Wassertor den Männern und Frauen  und denen, die es verstehen konnten, das Gesetz vor. Das ganze Volk lauschte auf das Buch des Gesetzes.

      Der Schriftgelehrte stand auf der Kanzel aus Holz, die man eigens dafür errichtet hatte. Esra öffnete das Buch vor aller Augen, denn er stand höher als das versammelte Volk. Als er das Buch aufschlug, erhoben sich alle. Dann pries Esra ADONAI, den grossen Gott; darauf antworteten alle mit erhobenen Händen: Amen, amen! Sie verneigten sich , warfen sich vor ADONAI nieder, mit dem Gesicht zur Erde.

      Man las aus dem Buch, dem Gesetz Gottes, in Abschnitten vor und gab dazu Erklärungen, sodass die Leute das Vorgelesene verstehen konnten.

      Der Statthalter Nehemia, der Priester und Schriftgelehrte Esra und die Leviten, die das Volk unterwiesen, sagten dann zum ganzen Volk: Heute ist ein heiliger Tag zu Ehren ADONAIs, eures Gottes. Seid nicht traurig und weint nicht! Alle Leute weinten nämlich, als sie die Worte des Gesetzes hörten. Dann sagte Esra zu ihnen: Nun geht, haltet ein festliches Mahl und trinkt süssen Wein! Schickt auch etwas denen, die selbst nichts haben; denn heute ist ein heiliger Tag zu Ehren ADONAIs. Macht euch keine Sorgen; denn die Freude an ADONAI ist eure Stärke.

 

Lesung aus dem Evangelium nach Lukas

(Lukas 4,14-21)

      In jener Zeit kehrte Jesus, erfüllt von der Kraft des Geistes, nach Galiläa zurück. Und die Kunde von ihm verbreitete sich in der ganzen Gegend. Er lehrte in den Synagogen und wurde von allen gepriesen.

      So kam er auch nach Nazaret, wo er aufgewachsen war, und ging, wie gewohnt, am Sabbat in die Synagoge. Als er aufstand, um aus der Schrift vorzulesen, reichte man ihm das Buch des Propheten Jesaja. Er schlug das Buch auf und fand die Stelle, wo es heisst: Der Geist ADONAIs ruht auf mir; denn ADONAI hat mich gesalbt. Er hat mich gesandt, damit ich den Armen eine gute Nachricht bringe; damit ich den Gefangenen die Entlassung verkünde und den Blinden das Augenlicht; damit ich die Zerschlagenen in Freiheit setze und ein Gnadenjahr ADONAIs ausrufe.

      Dann schloss er das Buch, gab es dem Synagogendiener und setzte sich. Die Augen aller in der Synagoge waren auf ihn gerichtet. Da begann er, ihnen darzulegen: Heute hat sich das Schriftwort, das ihr eben gehört habt, erfüllt.

 

Predigtwort

Ein Blick auf unsere jüdischen Wurzeln und auf heute

      Der heutige Abschnitt aus dem Lukasevangelium zeigt uns etwas vom Anfang des Wirkens Jesu in Galiläa.

      Am Jordan ist der etwa 30 jährige Jesus dem Johannes begegnet. Jesus ist betroffen von der unverwechselbaren Persönlichkeit des Johannesund lässt sich von Johannes taufen.

Dort erfährt Jesus seine tiefe Berufung und geht für einen Monat in die Stille der judäischen Wüste.

      Dann kehrt Jesus im Feuer der Begeisterung zurück in seinen kleinen Heimatort Nazareth.Er besucht dort am Schabbat, wie üblich, die Synagoge. Er wird aufgerufen zum Vorlesen des Bibeltextes, der für diesen Schabbat vorgesehenen ist. Dazu gibt Jesus dann eine aktuelle und existenzielle Deutung.

      Was da geschildert wird ist ein typisch jüdischer Gottesdienst. Das Buch Nehemia berichtet, wir haben es in der Lesung heute gehört, dass Esra im 5. Jh. v.Chr. den Gottesdienst in Jerusalem neu geordnet hat. Dazu gehörte nun wesentlich das Lesen aus Tora und Propheten und auslegende, deutende Worte dazu. Jesus hat diesen normalen jüdischen Gottesdienst am Sabbat selbstverständlich mitgemacht.

      Diese schlichte Schilderung im Lukasevangelium zeigt, wie der Jude Jesus von seinen jüdischen Wurzeln her lebt. 

      Auch unser heutiger christlicher Gottesdienst, 2000 Jahre danach, zeigt eindeutig, dass wir das Lesen und Auslegen der Hl. Schrift aus dem Judentum übernommen haben. Auch viel Anderes, das unsere christliche Tradition prägt, haben wir vom Judentum übernommen. Wie arm wäre z.B. unser Beten ohne Psalmen! Die Menora, der siebenarmige Leuchter, erinnert uns an den Tempel zur Zeit Jesu. Christlich Leben ohne das Grundvertrauen jüdischen Glaubens ist schlicht nicht möglich. 

      Auch heute noch, zweitausend Jahre nach Jesus von  Nazareth, gilt, was ein christlicher Theologe anschaulich so formuliert hat:

„Das Jüdische gehört zu unserer Identität als Christen. 

Ohne jüdische Wurzeln sind wir bloss Schnittblumen. 

Christen ohne Juden sind wie Blumen ohne Wurzeln.“

 

      Das sind einige Gedanken zum heutigen Evangelium und über die Wurzeln unseres Glaubens, Betens und Feierns!

      Nun noch ein Wort zu einem Aspekt unserer heutigen globalisierten Welt und vielleicht als Ansporn für unser Vertrauen, Hoffen und Handeln in heutiger Zeit.

      Eben ist das WEF vom 23. bis 25. Januar in Davos zu Ende gegangen. Bei den über 2500  Teilnehmer ist mir vor allem das Mädchen Greta Thunberg aus Schweden aufgefallen. 

      Ich denke, es kann auch für uns heute hier in der Kirche hilfreich sein, wenn wir jetzt einen Blick in das Anliegen und Wirken dieser Umwelt-Aktivistin tun. 

      Greta war erst 15 Jahre alt, als sie vor einem Monat bei der Klimakonferenz in der polnischen Stadt Kattowitz eine mutige Rede gehalten hat. Die junge Schwedin kämpft dafür, dass mehr für das Klima auf der Erde getan wird. Seit August schwänzt sie sogar jeden Freitag die Schule und stellt sich vor das Parlamentsgebäude in der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Dort demonstriert sie.

      Bei der Klimakonferenz haben Politiker zwei Wochen lang darüber gesprochen, was man im Kampf gegen den Klimawandel tun kann. Leider ist es so, dass ärmere Länder schon jetzt unter den Folgen des Klimawandels leiden, obwohl sie nicht schuld sind daran. Die klimaschädlichen Gase werden in den Industriestaaten ausgestoßen. Die Länder haben sich in dieser Klimakonferenz auf einige Regeln geeinigt, wie z.B. dass die reicheren Länder den ärmeren Ländern Geld geben, damit diese umweltfreundlichere Technik nutzen können.

      Der 15-jährigen Greta geht das aber nicht weit genug. In ihrer Rede vor den Politikern in Kattowitz sagte sie: „Im Jahr 2078 werde ich meinen 75. Geburtstag feiern. Wenn ich Kinder haben werde, werden sie vielleicht diesen Tag mit mir verbringen. Vielleicht werden sie mich nach euch fragen. Vielleicht werden sie fragen, warum ihr nichts gemacht habt, als es noch Zeit zum Handeln gab. Ihr sagt, dass ihr eure Kinder über alles liebt. Und trotzdem stehlt ihr ihnen ihre Zukunft, direkt vor ihren Augen.” 

      Was Greta will, ist deutlich: Sie sagte: „Ich will Gerechtigkeit in der Klimafrage und einen Planeten, auf dem wir leben können“. Und sie hat nicht nur etwas gesagt , was die andern tun sollen; sie lebt selber auch nach dieser Weisung: Sie fliegt nicht, weil sie die Umwelt nicht belasten will; darum ist sie mit ihrem Vater in einem Elektroauto von Schweden zur Konferenz nach Polen gefahren.

      Greta Thunberg ist kein "gewöhnlicher" Teenager. Das Klima beschäftigt die junge Greta seit Jahren. Weil Flugreisen viel CO2 ausstossen und damit klimaschädlich sind, hat sie sich auch entschieden, nicht per Flugzeug, sondern per Bahn von Schweden nach Davos zu reisen. Die Fahrt dauert hin und zurück etwa 65 Stunden. Als Gepäck hat sie einen Rucksack, einen kleinen roten Koffer und ein Demonstrationsschild mit der Aufschrift „Schulstreik fürs Klima“.

      Nach über 30-stündiger Anreise im Zug ist Greta Thunberg am letzten Mittwoch um 11.50 Uhr in Davos eingetroffen. Beim Aussteigen sagte sie der Reporterin in Davos: «Wir können den Klimawandel nicht länger ignorieren. Jetzt muss die Politik handeln.“

      Was lernen wir für uns von dieser jungen, 16 jährigen Frau?

- Erstens: Wir sollen den Gefahren von Klimaerwärmung und

  Umweltzerstörung klar ins Auge blicken und sie nicht aus unserem

  Bewusstsein verdrängen.

- Zweitens: Wir sollen Mut und Vertrauen aufbringen, in Politik und

  Regierungen öffentlich für positive Veränderungen einzustehen.

- Drittens: Wir sollen nicht bloss von Politik, Regierungen und

  Mitmenschen Verhaltensänderungen fordern, sondern ebenso sehr und

  vor allem von uns selbst.

Möge das Beispiel von Greta Thunberg

auch uns persönlich animieren und ermutigen!

 Hans Schwegler

 

 

 

Ök. Gottesdienst Ref. Kirche Halden

Was bedeutet die Reformation für die Katholische Kirche

Sonntag 20. Januar 2019 

 

Einführung und Lesung aus dem Neuen Testament

      Der Ökumenische Gottesdienst am heutigen Sonntag des Gebets für die Einheit der Christen ist ein ganz besonderer.  Vor 500 Jahren, am 1. Januar 1519 hielt Huldrych Zwingli seine erste Predigt von der Kanzel des Grossmünsters. 

      Am heutigen Erinnerungstag beginne ich darum mit zwei Texten aus dem Neuen Testament, die für Zwingli besonders wichtig waren. Zwingli hatte diese Texte als Grundmotto seines Auftrags als Prediger ausgewählt. Im 11. Kapitel des Matthäusevangeliums lesen wir in der Übersetzung der Zürcher Bibel folgende Sätze:

      „Kommt zu mir all ihr Geplagten und Beladenen: Ich will euch erquicken. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir, denn ich bin sanft und demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht.“(Mt 11,28-30)

      Den Christen in seiner Pfarrgemeinde in Zürich hat Zwingli mit Worten aus dem ältesten Schriftstück im Neuen Testament, dem Ersten Thessalonicherbrief, folgendes zugesprochen: 

      „Deshalb danken auch wir Gott unablässig dafür, dass ihr das von uns verkündigte und von euch empfangene Wort Gottes nicht als Menschenwort aufgenommen habt, sondern als das, was es in Wahrheit ist: Gottes Wort, das in euch, den Glaubenden, wirksam ist.“(1 Thess 2,13).

      Soweit zwei biblische Texte, die für Huldrych  Zwingli wegweisend und wichtig waren!

 

Predigtwort

Was bedeutet die Reformation für die Katholische Kirche

 

Liebe Christinnen und Christen!

 

      In diesem besonderen Gottesdienst möchte ich jetzt nicht über Zwingli in seiner Zeit der Reformation vor 500 Jahren reden. Darüber gibt es Bücher und Broschüren und sogar einen besonderen Film.  Ich möchte eine Antwort geben auf die Frage: Was bedeutet die Reformation für uns Katholiken heute bei uns in der Schweiz? Auch da kann ich nicht authentisch für alle Katholiken sprechen, sondern nur über mein Erfahrungsfeld.

      Ich beginne mit einer Erfahrung als 15-jähriger Bub. In meinem Heimatdorf auf dem Hügel Sonnenberg war die Scheune des dortigen Bauernhofes abgebrannt. Besitzer war die Familie Leuenberger; eine der ganz wenigen protestantischen Familien in unserem Dorf. Als die Scheune im Rohbau wieder dastand und mit Ziegeln gedeckt werden sollte, habe ich mitgeholfen, die Ziegel von Hand, Stück um Stück aufs Dach hinaufzugeben. 

      Und da: Inmitten von unserem emsigen Tun kommt ein schwarz gekleideter Herr: der reformierte Pfarrer aus Willisau.

      Im ganzen Luzerner Hinterland gab es damals nur eine einzige protestantische Glaubensgemeinde mit einer kleinen reformierten Kirche. und die war in Willisau. 

      Wie der Pfarrer auftaucht, stockt der Ziegel-Nachschub.

Wir alle schauen gebannt auf die schwarze Gestalt und der Pfarrer beginnt zu sprechen:         

             Wenn nicht der HERR das Haus baut,

             mühen sich umsonst, die daran bauen; 

             wenn nicht der HERR die Stadt behütet, 

             wacht der Hüter umsonst. ...

      Ich sehe ihn noch heute, wie er vor uns stand, wie die Arbeit eingestellt wurde, und wie ein neuer Sinn unser Tun beseelte. Das war die erste direkte Erfahrung für mich mit reformiertem Glauben und reformierter biblischer Frömmigkeit.

      Später dann, im Theologiestudium, habe ich die Arbeit und das Wirken der protestantischen Theologen kennen und schätzen gelernt. Wie wichtig sind mir doch geworden die Bibelstudien von Martin Noth, Hans Walter Wolff, Claus Westermann, Hans Wildberger, Frank Crüsemann, Hans-Joachim Kraus; ebenso sehr auch die Theologinnen Dorothee Sölle und Elisabeth Schüssler Fiorenza. Und ja nicht zu vergessen sind die fundamentalen und offenen Gedanken von Paul Tillich und Gerd Theissen und auch die Theologen an der Uni Zürich: Leonhard Ragaz, Hans Heinrich Schmid und Walther Zimmerli.

      Diese und verschiedene Andere aus der zwinglianisch und lutheranisch reformierten Kirche haben im letzten Jahrhundert unser Nachdenken über GOTT und die Welt wesentlich gefördert. Durch ihr Wirken wurde auch die katholische Bibelauslegung und Theologie intensiv angeregt, so sehr, dass seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil 1965 die katholische Bibelauslegung und Theologie der reformierten nicht mehr nachhinkt. Diesen reformierten Theologen und Theologinnen bin ich für viele wichtige theologische Impulse von Herzen dankbar.

 

      Im unserem Leben in der Schweiz gibt es verschiedene Besonderheiten. Eine ist: Wir haben vier Landessprachen. Damit auch kulturelle Unterschiede. Dieser so verschiedene kulturelle Hintergrund hat sich auch ausgewirkt in unserem kirchlichen Leben.

      Typisch für die Schweiz ist z. B. die Autonomie unserer Pfarrgemeinden. Diese Autonomie zeigt sich in der Bildung von Kirchgemeinden mit eigener Steuerhoheit und Verantwortung für die Gemeinschaft. So wird die Kirche von Laien bewusst und mit grosser Verantwortung mittragen. Zu dieser Autonomie hat die zwinglianische Reformation wesentlich beigetragen.

 

      In den letzten 70 Jahren ist aus dem konfessionellen Gegeneinander eine ökumenische Nachbarschaft, ja ein ökumenisches Miteinander erwachsen. Das ist für beide Kirchen hilfreich; beide können manches voneinander lernen.
      Evangelischerseits zeigt sich dies beispielsweise in der Aufwertung des Abendmahls; katholischerseits in der Aufwertung des Wortgottesdienstes und der synadodalen Strukturen. Voraussetzung für ein solches wechselseitiges Lernen ist, dass das je Eigene der Konfession nicht verwischt wird. Darum halten wir es bei uns so: Wenn wir ökumenisch feiern, gilt die Tradition der Kirche, in der wir feiern. So können wir voneinander lernen.

 

      Es gibt auch ein typisch schweizerische System zur Ordnung der Beziehungen zwischen Kirche und Staat. Sowohl die Kirche wie auch der Staat haben bei uns als Dialogpartner eine organisierte Gemeinschaftsstruktur mit je eigener Gesetzgebung. Das ist neu in der katholischen Kirche, die traditionell von oben nach unten strukturiert ist durch Papst, Bischöfe und Priester.

      Für uns Zürcher Katholiken gibt es diese partnerschaftliche Struktur zwischen Kirche und Staat erst seit 1963. Damit haben wir in der Schweiz eine „duale“ katholische Kirchenstruktur, die weltweit einzigartig dasteht.

 

      Die ökumenische Nachbarschaft von reformierten und katholischen Christen hat sich oftmals positiv ausgewirkt. Ein schönes Beispiel dafür ist das Zeugnis von Weihbischof Peter Henrici, der in seinem Buch „Erlebte Kirche“ bekennt: 

      „Zum Erfreulichsten in meiner Zeit als Generalvikar in Zürich gehörten die ökumenischen Beziehungen zur Evangelisch-reformierten Landeskirche Zürich und zu ihrem Kirchenrats-präsidenten, Pfr. Ruedi Reich. ... Ich war überrascht und erfreut, wie selbstverständlich und brüderlich ich vom ersten Tag an als katholischer Bischof in der Zwingli-Stadt aufgenommen wurde, als erster ansässiger Bischof seit der Reformation.“

 

      Zusammenfassend frage ich nochmals: Was ist denn nun das Positive und Negative, das die Reformation uns Katholiken in der Schweiz gebracht hat? 

      Die Antwort heisst: Wichtig und Positiv ist, dass es der Reformation um eine echte Kirchenreform im Sinne des Evangeliums geht. Es ist eindeutig das Verdienst Luthers, Zwinglis und Calvins, echte Reform im Sinne des Evangeliums in Bewegung gebracht  zu haben, nicht nur in ihren eigenen, neuen Kirchen, sondern sozusagen rückwirkend und mit Verspätung auch in der alten katholischen Kirche. 

      Da wo viel Sonne ist, da gibt es meist auch Schatten. Für uns Katholiken hat sich als Negativ herausgestellt, dass im Sturm vom radikalen Reformieren innige Erfahrungen von religiösem katholischen Empfinden und Vertrauen weggefegt wurden.

 

      Was versteht man unter einer Reform  im Sinne des Evangeliums? Wir können es erläutern durch drei Schlagworte, die für die Theologie der Reformatoren als kennzeichnend gelten: sola scriptura, sola fides, sola gratia– allein die Schrift, allein der Glaube, allein die Gnade. Wenn wir dieses dreifache „allein“: „allein die Schrift, allein der Glaube, allein die Gnade“ kämpferisch und aggressiv verstehen, begründet es die Kirchenspaltung. Wenn wir das „allein“ jedoch hören als Anliegen des christlichen Predigers, der seinen Zuhörern diese drei Erfahrungen nahelegen will, dann gelten diese drei Akzente: „allein die Schrift, allein der Glaube, allein die Gnade“ genauso für die katholischen wie für die reformierten Christen.

 

      Als Schlusswort noch zwei Erfahrungen! Im 70. Altersjahr wurde für unseren Jahrgang in unserem Heimatdorf eine Klassenzusammenkunft organisiert. Ich sass zufällig vis à vis von Hans Kropf, dem einen der zwei einzigen reformierten Klassenkameraden. Wir kamen ins Gespräch. Hans erzählte mir, wie er als reformiertes Kind in unserem katholischen Dorf gelitten hat. Ich war bis zu diesem Gespräch völlig überzeugt, dass wir nie etwas gegen die reformierten Mitschüler gehabt haben; nun aber musste ich erfahren, wie er als Kind gelitten hat in einer völlig katholischen Umwelt. Ähnlich, nur mit umgekehrten Vorzeichen, ist es früher vielleicht auch Katholiken in den reformierten Kantonen Bern oder Zürich ergangen.

      Die zweite Erfahrung: Letzte Woche habe ich von einer ehemaligen Teilnehmerin am Glaubenskurs ein überraschendes Bekenntnis erfahren: Sie sagte: „Im Kopf bin ich reformiert und im Herzen bin ich katholisch“. 

      Ich finde das wunderschön ausgedrückt: Es gilt mit dem Kopf, mit dem Verstand, rational, mit Worten und Fakten unser Leben, die Welt und auch unseren Glauben zu erkunden. 

      Und ebenso gilt es auch, dass wir mit Herz und Sinnen erleben, erfühlen und erfasst werden, was rational nicht fassbar ist. Darum sind auch Kreuzzeichen, Kerzen, Bilder, heilige Orte als Symbole für uns sprechend und wichtig. 

 

Erst wenn beides, Kopf und Herz, Verstand und Gefühl 

in unserem Menschsein und Leben vereint sind, 

sind wir freie, vertrauende, hoffende und liebende Menschen.

Wenn Kopf und Herz 

in unserem persönlichen und gesellschaftlichen Leben

betroffen sind von der Gestalt und Botschaft JESU CHRISTI,

erfüllt sich das, was uns verheissen ist: 

„Ich bin gekommen, 

damit sie das Leben haben und es in Fülle haben“.

 

Hans Schwegler

 

 

 

 

 Fest der Erscheinung des Herrn

 

Samstag und Sonntag

 

5./6. Januar 2019

  

Lesung: Jesaja 60,1-6:

 

Evangelium: Matthäus 2,1-12:

  

Predigt:

Ich freue mich, dass Sie, liebe GottesdienstbesucherInnen, es rechtzeitig von der Skipiste hierher nach Glattbrugg in den Gottesdienst geschafft haben! Das ist ja nicht selbstverständlich, bei diesen Wetterverhältnissen. Viele Menschen haben auf dem Rückweg von den Wintersportgebieten sicherlich gehofft, sie könnten schneller von A nach B kommen, doch die vielen Staus haben ihnen einen Strich durch die Rechnung gemacht. Es dauert länger als gedacht – das erinnert mich an meine ersten Erfahrungen mit dem Skifahren. Mein Vater nahm mich recht früh auf die Piste mit. Allerdings waren das andere Pisten als heute. Man musste meist erst einmal mühsam den Hang hinauflaufen, die abgeschnallten Ski geschultert, bis man dann endlich oben ankam und herunterfahren konnte. Je nachdem, wie gut man zu Fuss war, konnte man mehr oder weniger oft die Abfahrt geniessen. Heute ist das anders: Unzählige Lifte helfen uns auf den Pisten, so schnell wie möglich von A nach B zu kommen, ohne grosse Umwege oder Hindernisse. Wir hier im Westen leben eher aus einer Tradition, aus einer Kultur des Ergebnisses. Konkret muss es sein, damit wir etwas damit anfangen können. Schnell und effizient, damit man möglichst ungehindert zum Ziel kommt.

  

Ein Fest, das konträr zu unserer Zeit steht

Genau das Gegenteil möchte eigentlich unser Evangelium von den drei Sterndeutern oder Königen ausdrücken.

 

Wahrscheinlich angefangen beim Sprechen über den Stern, dem sie folgten: Diese Verrückten, die einem komischen Himmelszeichen folgen und aufbrechen aus einer gesicherten Zukunft; ihren gutbezahlten Beruf als Sterndeuter an einem orientalischen Hof aufgeben um in die Unsicherheit zu gehen.

Und dann haben sie sich auf den Weg gemacht: Lange Zeit, vorbei an Wegelagerern, die sie totschlagen hätten können und ausrauben; vorbei an wilden Tieren, durch Wüsten und Gebirge. Bei Menschen unverstanden und verlacht.

 

Und sie bleiben auf dem Weg!!! Sie lassen sich nicht abbringen. Vielleicht verlieren sie auf dem Weg hinter Gebirgen den Stern, halten verzweifelt Ausschau nach ihm, suchen nach allen Seiten und freuen sich, als sie ihn endlich wiederfinden. Die Drei Sterndeuter blieben auf einem Weg, der gefährlich war; der manchmal unsicher erschien; den sie aufgrund ihrer Stellung, ihres Berufes nicht nötig gehabt hätten. Sie gehen ihn bis zu einem Ziel, das wieder für die meisten Menschen nicht lohnenswert erschien: Zu einem Stall.

 

Dort sind sie wahrlich nicht in bester Gesellschaft. Hirten, also gesellschaftlich geächtete, ungebildete und unkultivierte Menschen (nach der damaligen Meinung) bilden die Umgebung des neugeborenen Königs. Ausser den Eltern weit und breit keinerlei Verwandtschaft, kein Fanclub und schon gar kein königlicher Hofstab.

 

Nachdem sie das Ziel gefunden haben, endet ihre Geschichte nicht. Sie nehmen das Erfahrene mit in ihren Alltag und gehen weiter.

 

Damit möchte uns der Evangelist etwas wichtiges sagen.

 

Welche Ziele haben wir?

Auch unser Leben führt durch viele Wüsten und Gebirge und auch wir sind so oft unverstanden und belächelt in dem, was wir tun: Und noch viel mehr sind uns Gebirge in den Weg gestellt, die uns von den Menschen der fertigen Ergebnisse in den Weg gestellt werden: Die Vorwürfe, dass sich auf der Welt ja nichts geändert hätte auf dieser Welt seit der Geburt Jesu. Andere Hindernisse erfordern von uns auch Umwege; Störungen lassen uns manches Mal verzweifeln.

  

Unser Glaube gleicht vielleicht tatsächlich dem alten Bild einer Wallfahrt: Die Wegesstrecke ist oft anstrengend; in Gemeinschaft muss man zudem aufeinander Rücksicht nehmen – gemeinsam gehen, manchmal sogar Umwege gehen. Am Ziel angekommen, ist man überglücklich! Man hat einen Weg auf sich genommen, ist ans Ziel gekommen, weil man etwas gegeben hat – sich eingegeben hat in den Weg.

  

Und gleichzeitig sind wir auch seltsame Menschen: Wenn wir ein Ziel sehen, kann es sein, dass wir evtl. den Weg dazu vergessen. Dass wir den Stern – die Hoffnung – vergessen, die uns auf dem Weg zum Ziel leitet. Dabei wissen wir doch: Wir verbringen im Leben viel mehr Zeit auf dem Weg zu einem Ziel, als am Zielpunkt selbst. Der Weg ist ein ganz wesentlicher Teil des Ziels, oder wie Johann Wolfgang von Goethe einmal schreibt: „Denn am Ende sind wir alle pilgernd Könige zum Ziele.“

  

Unser Glaube kommt ans Ziel, wenn wir begreifen, dass sowohl Leben als auch Glaube in erster Linie „Weg“ ist. Ein Weg, der vom Stern der Hoffnung(en) beschienen und geleitet wird. Unsere Ziele im Leben werden erst dann wirklich wertvoll, wenn wir vorher die Wege bewusst gegangen sind.

 

Ich wünsche uns am Beginn des neuen Jahres, dass wir den Stern unserer Hoffnung, den Stern von Bethlehem, nicht aus den Augen verlieren, sondern uns gegenseitig immer wieder – nicht nur an Weihnachten – auf dieses Licht der Hoffnung aufmerksam machen. Einen „guten Stern“ im Neuen Jahr wünsche ich uns. 

Thomas Lichtleitner

 

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