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Lazarus: Joh 11,1-45

Exegetische Überlegungen zur Lazarus-Erzählung anlässlich des Dialogs mit der Bibel bei Pizza und Chianti am 6. 4. 2011

Hinweis: Wichtige Gedanken und Zitate zu diesen Überlegungen stammen aus einem Artikel von Josef Heer im Heft Bibel heute, Nr. 127, 3.Quartal 1996.

       Die „Auferweckung“ des Lazarus ist eine biblische Erzählung, die sowohl unser Denken wie auch unser Glauben herausfordert. Dem heutigen Leser ergeben sich spontan Fragen, wie z.B.: war Lazarus wirklich im Grab? War er wirklich körperlich tot? Gab es überhaupt diesen Lazarus? Was will diese Erzählung uns wirklich sagen?
      Solche Gedanken führen zu der wichtigen Frage: In welchem Sinne ist die Lazarus-Erzählung wahr? Welche Ebene spricht die Erzählung an: die historische, geschichtliche oder die Ebene der Glaubensverkündigung? Exegetisch gesehen ist das die Frage: Zu welcher literarischen Gattung gehört die Lazarus-Erzählung? Dazu muss ich etwas weiter ausholen. Betrachten wir das nachstehende Bild!

      Ein Mädchen, das die Skizze eines Fisches auf den Waldweg zeichnet. Will sie damit für ein Fischgeschäft Reklame machen? Gewiss nicht! Sie hat eine andere Absicht: Sie will auf Jesus Christus hinweisen. (So ähnlich wie wir in den letzten Jahrzehnten oftmals Autos gesehen haben mit einem Fischzeichen auf der Hecktüre. Das war nicht etwa eine Automarke oder Fischerclub!) Der Fisch ist dem Mädchen also ein Symbol, ein hinweisendes Zeichen auf den, an den sie glaubt und den sie mit dem Fisch sogar bezeugen will.
      Die Christen in den ersten Jahrhunderten haben ihren Christusglauben in der Formel ausgedrückt: „Jesus Christus, Sohn Gottes, Erlöser“.
     
Auf griechisch heisst das: „Iesous Christos, Theou Yios, Soter“. Wenn man die hier gross geschriebenen Anfangsbuchstaben dieser griechischen Formel zusammenzieht, ergibt sich „ICHTHYS“. Dieses Wort bedeutet in griechisch: „Fisch“.
      Das Mädchen zeichnet also zwar einen Fisch, aber in Wirklichkeit zeichnet es ein Symbol für den Glauben an Jesus Christus als Sohn Gottes und Erlöser. Der Fisch allein ist ihr dabei nicht wichtig.
      Zweifellos hat das Mädchen mit ihrer Zeichnung eine Absicht: Es möchte, dass die Passanten auf dieses Zeichen irgendwie reagieren. Menschen, die nicht informiert sind über die christliche Bedeutung dieses Zeichens, verstehen es nicht. Sie denken vielleicht an ein gutes Essen mit Forelle nach Müllerinnen-Art. Es kommen aber auch andere Passanten, die von der christlichen Bedeutung des Fisch-Zeichens gehört haben. Sie sind die erwünschten Adressaten. Sie sehen den gezeichneten Fisch, stutzen, erfassen seine Bedeutung und fragen sich vielleicht sogar: Glaube ich wirklich an diesen Jesus Christus, den Sohn Gottes und Erlöser? Und beeinflusst dieser Glaube mein Leben?
      Der gezeichnete Fisch ist jedoch nur eine aus Kreidenstrichen bestehende Wirklichkeit, dennoch aber ist er ein Zeichen, das den Verstehenden eine andere Wirklichkeit, die Wirklichkeit Jesu Christi ins Bewusstsein ruft.
      Ähnlich ist es mit den Wundererzählungen im Johannesevangelium. Sowohl die Lazarus-Erweckung wie auch die sechs anderen Wundergeschichten des Johannes-Evangeliums sind Zeichen, ähnlich wie der Fisch. Es sind dies das Weinwunder in Kana (2,1ff), die Fernheilung des Beamten (4,43ff), die Heilung des Gelähmten am Teich von Betesda (5,1ff), die Brotvermehrung (6,1ff), die Heilung des Blindgeborenen (9,1ff) und die Lazarus-Erweckung (11,1ff).
      Das Johannes-Evangelium nennt diese sieben Erzählungen „Zeichen“, nicht Wunder. Im Kapitel 20, Vers 31, wird gesagt, was das Johannes-Evangelium mit „Zeichen“ „bezeichnet“ und was diese Erzählungen „bewirken“ wollen: „Diese Zeichen sind aufgeschrieben, damit ihr glaubt, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, und damit ihr durch den Glauben das Leben habt in seinem Namen.“
     
Drei Absichten also verfolgt das Johannes-Evangelium:
a) Es will durch diese Zeichen die (verstehenden) Menschen seiner Gemeinde zum Glauben führen, bzw. im Glauben bestärken.
b) Mit dem Zeichen der Erweckung des Lazarus will das Johannesevangelium anschaulich machen, was es bedeutet, dass Jesus für sie „der Messias, der Sohn Gottes“ ist: > „ICHTHYS“.
c) Dieses Zeichen soll die Verstehenden und Glaubenden anregen zu einer Verwirklichung des Glaubens, die das konkrete Leben beeinflusst, ja verändert zu einer neuen Lebensgestaltung, die das Johannes-Evangelium Zoé nennt, was wörtlich „Leben“ heisst, im Johannes-Evangelium aber jene „Neue Lebensart“ bedeutet, die aus dem Glauben erwächst und durch eine lebendige Christusbeziehung sowie eine tatkräftige Mitmenschlichkeit charakterisiert ist.
      Wenn man einmal erfasst hat, dass die „Zeichen“ zuerst Glaubensverkündigung sind, dann ist die Frage nach der Historizität, also nach dem, was historisch geschehen ist, nicht mehr im Vordergrund.
      Die kritische Forschung nimmt heute an, dass das Johannes-Evangelium in einem vierstufigen Prozess entstanden sei und so die heutige Form erhalten habe. Die Zeichen-Erzählungen im Johannes-Evangelium beziehen sich grundsätzlich auf die historischen Taten Jesu, vor allem auf die von ihm gewirkten körperlichen und seelischen Heilungen.
      Aber daneben benützt das Johannes-Evangelium in diesen Zeichen auch andere literarische Arten der damaligen Zeit, vor allem die theologische Lehrerzählung. Das heisst also, dass der Evangelist eine Erzählung frei gestaltet – ähnlich wie Jesus ein Gleichnis – um so in anschaulicher Form eine Glaubenslehre zur Darstellung zu bringen. Er wählt diese Art, weil er überzeugt ist, gerade mit dieser damals gebräuchlichen literarischen Art die „theologische Lehre“, die Wahrheit, die er vermitteln will, seinen Leserinnen und Lesern treffend, anschaulich und lebensbezogen vor Augen zu stellen.
      Wenn man nun das Erkannte auf die Lazarus-Erweckung anwendet, so ist da die entscheidende Wahrheit eine Glaubenslehre. Sie ist im Höhepunkt der Erzählung formuliert und handelt von jedem Glaubenden. Sinngemäss verdolmetscht sagt Jesus da: „Ich bin die Auferstehung und das Leben“, d.h. ich schenke jedem, der zum Glauben kommt, die Auferstehung zum Neuen Leben. Wer an mich glaubt, hat dieses Neue Leben schon hier und jetzt, und er wird es nicht verlieren, auch wenn er den menschlichen Tod stirbt und begraben wird.
      Die eigentliche Wahrheit der Lazarus-Erweckung betrifft also jeden, der glaubt: Jeder „ist“ Lazarus. Jeder Glaubende wird aus dem „Tod“ d.h. aus einem von Gott absehenden und egoistisch sich selbst suchenden Leben durch Jesus in das „Neue Leben“ auferweckt. Das Wort „Lazarus“ ist die gräzisierte Form vom hebr. Eleasar = „Gott hilft“.
      Ist der Lazarus unserer Erzählung eine historische Figur? Nach Auffassung gewichtigster katholischer Exegeten ist er das nicht. So wie das Mädchen die Skizze gestaltet hat, so hat das Johannesevangelium die Erzählung von Lazarus als Lehrerzählung gestaltet. Und so wie der Fisch die Wahrheit des ICHTHYS darstellt, die gilt, auch wenn der Fisch nur Skizze ist, so stellt die Lazarus-Erweckung die Wahrheit dar, dass Jesus allen Glaubenden dieses neue Leben schenkt, auch wenn die Erzählung nur Lehrerzählung ist.
      In dieser Hinsicht kann man die Lazarus-Figur vergleichen mit der Figur des „Verlorenen Sohnes“. So wie dieser Verlorene Sohn, den Jesus als Gleichnisfigur gestaltet hat, als Individuum nicht historisch existierte, aber als Modellfigur in den vielen Menschen, die aus einem verpfuschten Leben zu Gott finden, doch existiert und Bedeutung hat, so hat Lazarus, den das Johannesevangelium als Figur in der Lazarus-Lehrerzählung gestaltet hat, als Individuum nicht existiert, existiert aber doch als Modell und hat Bedeutung in vielen Menschen, die sich durch den Glauben an Jesus zum Neuen Leben auferwecken lassen.
     
Das Faktum der Lebens-Erweckung ist nicht in ferner Vergangenheit einmalig geschehen, sondern es soll sich in der jeweiligen Gegenwart immer wieder neu ereignen: Die Glaubenden sollen erfassen, dass sie Lazarus sind.
      Für mich ist diese Sicht befreiend und vor allem: sie lenkt auf das Wesentliche hin. Niemand aber ist gezwungen, diese existenzielle, nicht an das einmalige historische Faktum gebundene Auslegung anzunehmen. Wer an der Historizität der Lazarus-Geschichte meint festhalten zu wollen, der hat das Recht dazu. Er muss nur die andere Meinung auch gelten lassen.

      Es gibt noch eine andere, zusätzliche Möglichkeit, die Lazarus-Erzählung zu deuten. Ich bin kürzlich darauf aufmerksam geworden durch einen Artikel von Peter Zürn in der Schweizerischen Kirchen-Zeitung Nr. 13/2011, S.219. Diese Deutung, so fremd sie zuerst erscheint, ist mindestens eine sehr interessante Variante. Ich versuche diese Deutung kurz zu skizzieren.
      Das Johannesevangelium wird strukturiert durch verschiedene Elemente, unter anderen auch durch jüdische Feste: Paschafest in Jerusalem, Sabbat, Laubhüttenfest, Tempelweihfest (Chanukka) und letztes Paschafest in Jerusalem. Unsere Erzählung steht im Bannkreis des Tempelweihfestes. Zum Tempelweihfest gehört der Tempel.
      Eleasar ist der Sohn und Nachfolger Aarons und in der Bibel meist zitierter Priester. Josua und Eleasar stehen in der Nachfolge Moses und Aarons. Die Figur des Lazarus/Eleasars weist darum auch in den Kontext des Tempels, bzw. der Priesterschicht. Die Priester repräsentieren ganz Jissrael vor Gott. Und auch der Tempel kann für das ganze Volk Jissrael stehen. Entsprechend trägt Lazarus in Joh 11 keine individuellen Züge. Er steht für Jissrael.
      Unsere Erzählung beginnt mit der Krankheit des Lazarus (Joh 11,1) und spricht später von seinem Tod (11,14), und der bereits einsetzenden Verwesung seiner Leiche. Das ist die Situation zur Zeit des Johannesevangeliums: der Tempel ist seit dem Jahre 70 zerstört. All die Hoffnungen, die mit ihm verbunden waren, sind gestorben und zersetzen sich.
      Vielleicht liegt in der Krankheit des Lazarus eine Spitze gegen den Tempelkult vor seiner Zerstörung. Das Johannesevangelium hat ja die „Tempelreinigung“ Jesu programmatisch am Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu in Jerusalem (Joh 2,13-22). Allerdings spricht Joh 11 eindeutig von der engen Freundschaft Jesu zu Lazarus/Eleasar: „Jesus liebte Lazarus“; d.h. Jesus liebte sein Volk, er liebte auch den Tempel.
Aber Jesus ist auch „im Innersten erregt und erschüttert“. Die johanneischen Gemeinden haben intensive Konflikte mit anderen jüdischen Gruppierungen ausgetragen. Ein Echo davon ertönt in 11,8 mit dem Satz: „Rabbi, eben noch wollten dich die Juden steinigen und du gehst wieder dorthin.“ In der Trauer über die Katastrophe des Jahres 70 sind aber alle, Juden und Judenchristen, vereint.
      Jesus trauert intensiv mit Marta und Maria und vielen anderen Juden um den toten Lazarus. Das Judentum bewahrt bis heute die Erinnerung an die Zerstörung des ersten und zweiten Tempels mit einem Tag völligen Fastens (tisch’a b’Aw). Das Christentum hat die Erinnerung an diese Trauer nicht bewahrt.
      Im Zentrum des Kap 11 des Johannesevangeliums begegnen sich Marta und Jesus. Marta hält Jesus entgegen: „Wärst du hier gewesen, mein Brüder wäre nicht gestorben“ (11,21). Und einige Verse später fragen einige Juden: „Wenn er dem Blinden die Augen geöffnet hat, hätte er dann nicht auch verhindern können, dass dieser hier starb?“ (11,37). Die Frage „Wo ist Gott angesichts unseres Leids“ zieht sich durch all die Jahrhunderte, und in besonderer Weise durch die Geschichte des jüdischen Volkes.
      Das Johannesevangelium gibt dieser Frage Raum und Würde. Es lässt Jesus die Worte sprechen: „Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer mir vertraut, wird leben, auch wenn er stirbt, und jeder, der lebt und mir vertraut, wird nicht sterben für die kommende Weltzeit“ (11,25). Damit wird Jissrael Leben verkündet, trotz oder inmitten des allgegenwärtigen Todes, trotz oder inmitten der Todesmacht, die damals Rom hiess. Lazarus/Eleasar/JIssrael in seiner Krankheit wird nicht sterben, wenn es dem Messias vertraut, d.h. wenn es auf Gottes Treue vertraut. Wenn es darauf traut, dass Gott sich trotz allem in dieser Welt als lebensschaffende und befreiende Kraft an Jissrael erweist. Das bekennt Marta: „Ich vertraue, dass du der Messias bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommt.“
       Zu solchem Vertrauen werden wir durch die Lazarus/Eleasar-Erzählung angeregt, aufgefordert und ermutigt. Leben in solchem Vertrauen ist Auferweckung, ist Neues Leben inmitten unserer sterblichen Welt.
      Diese Auslegung der Lazarus-Erzählung trifft auch unsere heutige Kirchensituation. Lazarus/Eleasar/Kirche ist krank und gestorben. Und Jesus Christus ruft: „Lazarus, komm heraus! Da kam der Verstorbene heraus; seine Füsse und Hände waren mit Binden umwickelt und sein Gesicht war mit einem Schweisstuch verhüllt. Jesus sagte zu ihnen: Löst ihm die Binden!“
      Mir scheint, das Johannesevangelium ermuntert auch uns heute: Binden und Schweisstuch zu lösen! In dem Sinne ist die Lazarus/Eleasar-Erzählung auch für uns heute Ermutigung zu Neuem Leben inmitten einer kränkelnden Kirche.