5. Sonntag im Jahreskreis B
Sonntag, 5. Februar 2012
Lesung aus dem Buch Ijob
(Ijob 7,1-4.6-7)
Ijob ergriff das Wort und sprach: Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf der Erde? Sind nicht seine Tage die eines Tagelöhners? Wie ein Knecht ist er, der nach Schatten lechzt, wie ein Tagelöhner, der auf den Lohn wartet.
So wurden Monde voll Enttäuschungen mein Erbe und Nächte voller Mühsal teilte man mir zu. Lege ich mich nieder, sage ich: Wann darf ich aufstehn? Wird es Abend, bin ich gesättigt mit Unrast, bis es dämmert. Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage, der Faden geht aus, sie schwinden dahin. Denk daran, dass
mein Leben nur ein Hauch ist. Nie mehr schaut mein Auge Glück.
Predigtwort
Ijob
Wir alle kennen den Ausdruck „Hiobsbotschaft“. Aber die wenigsten Christen kennen das biblische Buch Ijob. Im Anschluss an die heutige Lesung will ich paar Gedanken austauschen über das oft genannte aber wenig bekannte Buch Ijob.
Eine erste Erinnerung: In dem kleinen Zimmer, in dem ich als Bub im Primarschulalter geschlafen habe, hing ein Wandteppich aus Stoff. Darauf war mit farbigem Faden folgendes eingestickt: „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen, der Name des Herrn sei gepriesen!“ Das ist ein Zitat aus dem
1. Kapitel vom Buch Ijob. Und ich habe diesen Satz fast täglich gelesen und bis heute nie mehr vergessen. Das bringt mich auf den Gedanken: Es kann bedeutsam sein, was Kinder tagtäglich in ihrem Zimmer sehen. Und es ist wohl nicht völlig gleichgültig, welche Bilder oder Figuren oder Sprüche im Kinderzimmer oder in der Stube da sind.
Das Buch Ijob ist keine leichte Lektüre. Die Fragen und Auseinandersetzungen darin sind quälend und mühsam, so wie eben das Leben in gewissen Situationen auch mühsam und schmerzhaft sein kann.
Eine Erfahrung hat mich vor etwa 20 Jahren sehr beeindruckt. Marco war Biologie-Professor an der Universität in Siena. Etwa 50 Jahre alt. Er wurde krank. Krebs. Als wir bei einem Besuch ins Gespräch kamen, sagte er zu mir: „Ich habe begonnen, Ijob zu lesen und es tröstet mich
sehr“. In gewissen Lebenssituationen ist das biblische Buch Ijob wohl ein Trost. Marco ist einige Monate später gestorben. Seine Frau und die drei jugendlichen Kinder haben sehr um ihn getrauert.
Ganz anders ist die Erfahrung von Peter. Peter ist Bankfachmann in der Region Zürich im Alter von 71 Jahren. Ein grosszügiger, gläubiger Mensch, der mit seinem Geld viel Gutes tut. Bei einem gemeinsamen Anlass vor etwa 2 Monaten hat er sich intensiv an mich gewendet und gesagt: Ich habe begonnen, das
Buch Ijob zu lesen. Und ich habe es schon nach dem 1. Kapitel wieder auf die Seite gelegt. Es ist doch unmöglich, dass Gott mit dem Teufel redet. Das kann doch nicht sein! Ich lese nichts mehr im Alten Testament! Ich habe ihm dann versucht zu erklären, dass das Ijob-Buch nicht ein Polizeirapport darstelle, sondern ein
literarisches Dokument, das mit gedanklichen Bildern zeigt, dass Leid und Not der Menschen nicht immer erklärbar und rational einsichtig sind. Aber ich habe den Eindruck, es ist mir nicht gelungen, ihn von seiner Abwehr vom Buch Ijob und dem Alten Testament wegzubringen. Er wird kaum mehr einen Blick ins Buch Ijob
tun.
So verschieden kann die Bibel auf Menschen einwirken! Wenn es jedoch gelingt, das Buch Ijob verstehend zu lesen, dann blitzt folgende Erkenntnis auf:
- Der Mensch darf und soll seinen Schmerz, seine Not, seine Klage aussprechen. GOTT, wie ihn die biblische
Erfahrung zu erkennen gibt, fühlt mit unserer Not. Das wird in vielen Erzählungen im E.T. und im N.T. spürbar.
- Auf die menschliche Frage nach Ursache und Zweck des Leidens wird in den Reden der drei Freunde Ijobs
geantwortet. Mit vier klassischen theologischen Erklärungen möchten die Freunde für Ijob die Frage klären und
ad acta legen. Die Antworten sind im Kurzstil folgende:
a) Leid ist Folge menschlicher Schuld.
b) Leid gehört zur Natur des Menschen, es ist Folge seiner Kreatürlichkeit.
c) Leid ist eine Form göttlicher Erziehung und Zurechtweisung.
d) Leid ist eine Prüfung des Frommen.
Das Buch Ijob kritisiert das Verhalten der drei Freunde und weist uns indirekt darauf hin, mit den Leidenden solidarisch zu sein. Es kommt nicht darauf an, das Leid zu verstehen, sondern zu
bestehen.
Für mich findet sich die ergreifendste Szene des Buches Jiob in den ersten 6 Versen des Schlusskapitels, wo es heisst:
„Da antwortete Jiob dem Herrn und sprach:
Ich hab erkannt, dass du alles vermagst;
kein Vorhaben ist dir verwehrt.
... So habe ich denn im Unverstand geredet über Dinge,
die zu wunderbar für mich und unbegreiflich sind.
Hör doch, ich will nun reden,
ich will dich fragen, du belehre mich!
Vom Hörensagen nur hatte ich von dir vernommen;
jetzt aber hat mein Auge dich geschaut.
Darum widerrufe ich und atme auf,
in Staub und Asche.
Mit dem rationalen Verstand findet Jiob keine vollgültige Antwort auf die menschliche Frage nach Ursache und Zweck des Leidens. Auch die Theologie der Freunde hilft ihm da nicht weiter. Völlig anders jedoch ist es, wenn der Mensch GOTT erfährt in
einem mystischen Erlebnis, wenn er von GOTT nicht nur durch die Tradition weiss, sondern wenn GOTT sich von Antlitz zu Antlitz zu erkennen gegeben hat.
Mit dieser Hoffnung, dass ADONAI sich als GOTT erweist, der den zu Tode gehenden, gequälten Menschen Leben in Fülle erwirken will und erwirken kann, schliesst das Buch Jiob.
Im Evangelium, das wir nun hören werden, zeigt sich, wie Jesus das Leid der Menschen angeht und wie er für sich selber sorgt, um in der Fülle des Leidens der Menschen nicht unterzugehen.
Aus dem Evangelium nach Markus
(Markus 1,29-39)
In jener Zeit ging Jesus zusammen mit Jakobus und Johannes gleich in das Haus des Simon und Andreas. Die Schwiegermutter des Simon lag mit Fieber im Bett. Sie sprachen mit Jesus über sie, und er ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr
und sie sorgte für sie.
Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus. Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt, und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und er verbot den Dämonen zu reden; denn sie wussten, wer er war.
In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten. Simon und seine Begleiter eilten ihm nach, und als sie ihn fanden, sagten sie zu ihm: Alle suchen dich. Er antwortete: Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort predige; denn dazu bin
ich gekommen. Und er zog durch ganz Galiläa, predigte in den Synagogen und trieb Dämonen aus.
Zu dieser Lebenshaltung Jesu fällt mir ein, was mir vor einiger Zeit ein Arzt als sein Lebensmotto gesagt hat:
Heilen: gelegentlich
Helfen: wenn immer möglich
Trösten: immer. Unter trösten ist verstanden: Empathie, Einfühlung, das bedeutet: den Schmerz nicht
wegnehmen, sondern erlauben!
Hans Schwegler
Darstellung des Herrn
Marïa Lichtmesse
Freitag, 2. Februar 2012
Aus dem Evangelium nach Lukas
(Lukas 2,22-40)
Es kam für die Eltern Jesu der Tag der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung. Sie brachten das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn zu weihen, gemäss dem Gesetz des Herrn, in dem es heisst: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn geweiht sein. Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es
das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben.
In Jerusalem lebte damals ein Mann namens Simeon. Er war gerecht und fromm und wartete auf die Errettung Israels und heiliger Geist ruhte auf ihm. Vom heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Messias des Herrn gesehen habe. Jetzt wurde er vom Geist in den Tempel geführt; und
als die Eltern Jesus hereinbrachten, um zu erfüllen, was nach dem Gesetz üblich war, nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten:
Nun lässest du, Herr, deinen Knecht,
wie du gesagt hast, in Frieden scheiden.
Denn meine Augen haben das Heil gesehen,
das du vor allen Völkern bereitet hast,
ein Licht zur Offenbarung für Völker
und zur Herrlichkeit für dein Volk Israel.
Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden. Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele durch ihn zu Fall kommen und viele aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird. Dadurch sollen die
Gedanken vieler Menschen offenbar werden. Dir selbst aber wird ein Schwert durch die Seele dringen.
Damals lebte auch eine Prophetin namens Hanna, eine Tochter Penuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit
Fasten und Beten.
In diesem Augenblick nun trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten.
Als seine Eltern alles getan hatten, was das Gesetz des Herrn vorschreibt, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret zurück. Das Kind aber wuchs und wurde stark, erfüllt mit Weisheit, und Gnade Gottes war auf ihm.
Predigtwort
Simeon, Hanna und das Kind
Was wir eben im Lukas-Evangelium gehört haben, das hat der Künstler Rembrandt in einem eindrücklichen Bild festgehalten. Rembrandt war 63 Jahre alt, müde vom Elend und der Misere seiner letzten Jahre. Seine treue Hendrikije, war gestorben. Sein
Sohn Titus, den er über alles liebte, war tot. Als Rembrandt 1669 starb, stand dieses Bild, fast fertig, auf der Staffelei. Es ist sein letztes Bild.
Es lohnt sich, dieses Bild genauer zu betrachten. Ein alter Mann trägt sorgsam ein Kind auf seinen Unterarmen. Es ist, als ob der alte Mann mit dem Kind und mit den geöffneten Händen die Zukunft weitergibt. Sein offener Mund spricht wohl die Worte Simeons: „Nun lässt du deinen Knecht in
Frieden scheiden. Denn meine Augen haben das Heil gesehen...“
Rembrandt hat im Greis Simeon auch etwas aus seiner eigenen Lebenssituation erkannt. Neben Simeon steht eine Frau, die Prophetin Hanna. Sie sind einander so nah und so verbunden, als wären sie eins: der lobpreisende Simeon und die
besinnliche Hanna. Ergreifend, dieses doppelte Gesicht vom Mensch-Sein!
Das Bild lebt von der Dunkelheit und vom Licht. Woher kommt das Licht? Es kommt von oben, aus der Höhe, und trifft die Stirn des Simeon. Es erleuchtet ihn und seinen Geist. Es gibt
ihm die Erkenntnis, dass durch dieses Kind die Welt heller wird. Darum ist auch das Kind ganz im Licht. Das Licht von oben, das im Kinde uns zuleuchtet, schenkt Vertrauen und Hoffnung. Das Licht von oben spiegelt sich auch im
Gesicht der Hanna, deren Gestalt sonst ganz im Dunkeln verschwindet.
Die ergreifende Erzählung vom greisen Simeon und der Witwe Hanna ist ein personifiziertes Zeugnis von der existenziellen Verbundenheit des christlichen Glaubens mit der jüdischen Wurzel. Jesus hat jüdische Eltern,
Jesus wird im jüdischen Glauben und Brauchtum erzogen und Jesus bleibt Jude auch in seinem Tod und bis ins Grab.
Nach dem Tod Jesu wird mit der Osterbotschaft: „GOTT hat ihn auferweckt!“ etwas ausgedrückt von der unerhörten Erfahrung und Kraft, die nach seinem Tod in verschiedenster Weise lebendig war und Wunderbares gewirkt hat und
Wunderbares wirkt bis auf den heutigen Tag. Aus dieser Erfahrung sagt Simeons Lobpreis eindrücklich,
„meine Augen haben das Heil gesehen ...,
ein Licht, das die Völker erleuchtet,
und grosse Ehre für sein Volk Israel.“
Wir Christen heute, persönlicher noch, jede und jeder von uns kann sich fragen: Was bewirkt dieser Glaube an Jesus Christus, dieses Licht des Vertrauens, in meinem eigenen Leben? Was wäre anders, wenn ich dieses Vertrauenslicht nicht hätte? Wie pflege ich dieses Vertrauen? Wie kann ich etwas von diesem Vertrauenslicht an Mitmenschen weiterschenken?
Hans Schwegler
4. Sonntag im Jahreskreis
Samstag / Sonntag
28. / 29. Januar
Die Menschen waren betroffen von ihm
Auf drei Arten oder mit 3 Ohren kann man diesen Texte hören:
1. Mit dem Ohr, das Infos über Jesus um das Jahr 35 hören will. Wir hören: Er war anders. Er strahlte etwas aus, das einen sprachlos machte. Er war hart, klar, bestimmt. Er redete nicht nur. Seine Worte waren getragen von seinem Tun. Was er tat hinterliess Staunen. Die, die ihn erlebten
und ihm zuhörten waren im Innersten getroffen, sogar verwirrt und überwältigt. Anders als sie nach meiner Predigt, waren die Menschen, die Jesus die Tora auslegen hörten, bewegt von der Frage: Wer ist dieser, dass er auf solche Art lehren kann?
2. Wir können den Text mit dem Ohr der jungen Gemeinde hören, in der das Markusevangelium ab dem Jahr 70 gelesen wird. Es sind wohl vor allem Heiden, die an den auferweckten Jesus glauben. Die aber auch merken, dass Jesus doch nicht wieder zurückkehrt, wie er doch sagte. Sie leben zwischen Begeisterung,
also Dankbarkeit für den befreienden neuen Blick auf Welt und Menschen, den sie durch Jesu Botschaft gewonnen haben; zwischen Begeisterung und Verunsicherung. Verunsicherung darüber, ob sich die neue Lebensweise lohnt. Mit den Ohren jener hören wir: Jesus machte es wie wir. Er ging am Ruhetag zum Gottesdienst. Es stimmt,
was wir hörten, dass er heilte. Es stimmt, dass auch das Feindliche, Zerstörende, Angstmachende ihn nicht überwältigen konnte. Es stimmt, dass Jesus so anders lehrte und die Menschen 35 Jahre vor uns genauso wie wir staunten über das, was sie erlebten.
3. Oder wir hören hin mit dem Ohr eines modernen Menschen unserer Zeit. Dieses Hinhören hat Schwierigkeiten mit dem Begriff „Dämon“ oder böse Geister. In der Zeit, als der Markus-Verfasser sein Evangelium aufgeschrieben hat waren Dämonen und böse Geister etwas Selbstverständliches. Es gab sie
einfach. Es hat keine bessere Erklärung gegeben für das Kranke und Zerstörerische, was sich in der Seele eines Menschen abspielen kann. Wir heute sprechen da – bedingt durch die Erkenntnisse der Psychiatrie – nicht mehr von Dämonen sondern seelischen Krankheiten, von Störungen und Wahnvorstellungen.
Also. Was sagt uns modernen Menschen des 21. Jahrhunderts der Text? Jesus von Nazaret muss ein durchwegs authentischer Mensch gewesen sein. Seine Worte müssen aus den Wurzeln seines innersten Wesens gekommen sein, aus der letzten Tiefe seiner Existenz; so dass er
Menschen in ihrem ganzen Sein angesprochen, getroffen und bewegt hat. Die Begegnung mit ihm muss im Gegenüber etwas angerührt haben. So, dass wer verzweifelt war, plötzlich wieder zu hoffen anfing; so, dass wer sich ausgeschlossen erfuhr, plötzlich
wieder sich als Teil einer Gemeinschaft erfuhr; so, dass wer sich minderwertig vorkam, sich befreit freuen konnte; so, dass wer von Angst getrieben und bedrängt war, plötzlich in der Begegnung mit Jesus von Nazaret durch tiefes Vertrauen sich beschenkt erfuhr. So
dass, wer müde war, bei ihm rasten konnte.
Sogar Menschen, wie jener Kranke in der Synagoge Kafarnaums, in tiefer Psychose, also sich selbst völlig nicht mehr mächtig – sogar solche Menschen konnten offenbar durch die Begegnung mit diesem Jesus von Nazaret zur Ruhe kommen. Darüber staune ich. Und darüber staunten auch damals die Menschen, wie wir
vorhin hörten.
Alejandra, eine 5. Klässlerin, fragte mich gestern mitten in der Untistunde: „Warum sind sie eigentlich Religionslehrer geworden?“ Alle Augen waren auf mich gerichtet. Ich antwortete: „Weil dieser Jesus von Nazaret mich als junger Erwachsener zu faszinieren begann und weil ich mich fragte: Wer war das, der
aus so tiefstem Vertrauen in GOTT, lebte und die Menschen betroffen machte?“
Die Frage von Alejandra geht mir nicht aus dem Sinn. Aber es ist wirklich so. Ich staune über diesen Jesus von Nazareth, wie die Menschen damals staunten. Ein Mann aus einem kleinen Nest in Galiläa, lernte bei seinem Vater dessen Handwerk. Dann
geht er zu Johannes, der am Jordan lehrte, ist betroffen von ihm und etwas ereignet sich in seinem Innersten. So dass er aufbricht mit einer neuen Botschaft. Und er geht nicht irgendwo hin. Er beginnt in Kafarnaum. Kafarnaum ist Durchgangsstadt auf der Via
Maris, jener Handelsstrasse die zwischen Damaskus und Cäsarä liegt. Römisch besetzt. Unübersichtlich. Völkergemisch. Nicht so einfach - ist man geneigt zu denken – hier mit einer neuen Lehre zu beginnen. Aber Jesus gelingt es unter Arbeitern, unter Angestellten in Zollhäusern, unter diesen verschiedenen, scheinbar ungläubigen Menschen,
erste Gefährten zu finden.
So beginnt alles im Kleinen. Schlicht und einfach. Aber so, dass immer mehr Menschen – nicht in erster Linie Gelehrte und Einflussreiche – sondern Handwerker und ein römischer Hauptmann, Verlierer und die kranke Schwiegermutter eines Freundes, betroffen waren von ihm. Das ist schon erstaunlich für mich. Und auch Mut machend. Alles beginnt
immer wieder im Kleinen. Und entfaltet sich von dort. Also in der Familie, in einem Haus, wo verschiedenste Nationen oder Lebensgeschichten zusammenkommen. Oder unter ein paar Jugendlichen, die etwas Gutes tun wollen oder zwischen ein paar Eltern, die sich engagieren wollen. Oder in einer Notsituation, wo vieles unwichtig wird und man sich neu
ausrichten muss.
Das Bild von Jesus in der Synagoge zu Kafarnaum ist für mich darum Sinnbild dieses Anfangs, die Beruhigung dieses Kranken dort Sinnbild für Jesu Beziehungskraft, die machte, dass man vertrauen kann.
Beides freut mich und spricht in unsere Situation heute hinein: Mitten in der Unübersichtlichkeit, im Strudel, im Lärm kann sich im Kleinen, in unserer Situation etwas Kostbares entwickeln.
Und wir sind eingeladen Jesu Menschenfreundlichkeit zu meditieren, aus der Beziehung zu ihm Vertrauen zu schöpfen, um dann selber dieses Vertrauen weiterzugeben, an die, mit denen wir zu tun haben.
Mathias Burkart


