Predigt Gedanken


Predigt am Aschermittwoch, 26. Februar 2020:

„Jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade“ – „Vertrauen säen“

Misstrauen und Angst
Wir leben inmitten einer Zeit der Angst. Unser Gottesdienst heute Abend findet statt! – das ist schon ein sehr gutes Zeichen. In Mailand, Padua und Venedig wurden öffentliche Gottesdienste bis auf weiteres abgesagt. Der Corona-Virus ist Grund für diese Massnahme.
Eine Epidemie ändert vieles am Bewusstsein einer Gesellschaft, weil es den Menschen auf tief sitzende Ängste anspricht.

Ich möchte jetzt keine politischen Ratschläge für den Umgang mit Epidemien verbreiten. Auch für medizinische Ratschläge bin ich zu schlecht ausgebildet, ausser dass es mir sehr ratsam und logisch erscheint, was der Bund schon jetzt mit aller Besonnenheit rät: Sich so verhalten wie bei einer Grippe auch; Rücksicht nehmen auf die Mitmenschen, nicht den „Helden“ spielen und Körperkontakt vermeiden. Nicht umsonst sind wir in unseren Gottesdiensten übrigens schon lange zum Desinfektionsspray gekommen, völlig unabhängig von Epidemien oder ähnlichem.

Abgesehen von der Gefahr des Virus scheint es mir auch so, dass es im Moment noch eine zweite ebensolche Gefahr im Hinblick auf eine Epidemie gibt: Die der Panik. Da ist es wohltuend, dass die italienischen Bischöfe am Wochenende alle Mitarbeiter und Gläubigen zu einem intensiven gemeinsamen Vorgehen mit Behörden und medizinischem Personal aufgefordert haben. „Nur gemeinsam können wir eine solche Herausforderung angehen“ – sagen sie. Und: In ihrer Erklärung bitten die Bischöfe zudem um das Gebet für Kranke und ihre Angehörigen, für Ärzte, Pflegepersonal und jene, die politische Verantwortung tragen. Die Kirche wolle ihren Teil dazu beitragen, «Verluste und Ängste zu verringern». Es komme jetzt darauf an, dieser «schwierigen Situation» mit «Realismus, Vertrauen und Hoffnung» zu begegnen.

Asche für wen oder was?
Es ist in jedem Jahr am Aschermittwoch eine Herausforderung, das Aschenritual zu erteilen und es auf sich zu nehmen. Es erinnert nämlich an die Endlichkeit von biologischem Leben. Es erinnert an die Urangst, selbst irgendwann nicht mehr hier unter den Lebenden zu weilen.
JA: Das Symbol der Asche wird ausgeteilt als ein Symbol der Vergänglichkeit und des Todes.

Vielleicht ist es in diesem Jahr ein besonderer Anstoss für uns, hier zu sein. Aber vielleicht sollten wir ja das Schlusswort der Bischöfe näher betrachten. Es ist nämlich für mich nicht nur eine Wegleitung zum Umgang mit einer Epidemie-Krise, sondern vielmehr ein sehr guter Einstieg in die Vorbereitung auf Ostern:

Es kommt jetzt darauf an, dieser «schwierigen Situation» mit «Realismus, Vertrauen und Hoffnung» zu begegnen.

Mit Realismus einer Sache oder einem Menschen zu begegnen ist gute christliche Tradition. Auch Jesus tat dies. Auch die Propheten und Lehrmeister Israels taten dies.Es bringt nichts, unsere Sterblichkeit unter dem Deckmantel einer viel längeren Lebenszeit als früher zu verhüllen.
Es bleibt so, wie Leo Tolstoi es einmal in seinem Buch „Krieg und Frieden“ geschrieben hat:
„Den Menschen ist nicht gegeben zu wissen, wie spät es in ihrem Leben ist.“

Das ist christlicher Realismus, der notwendig ist, wenn der zweite Schritt erfolgen soll:
VERTRAUEN.
Erst wenn ich mir bewusst bin, dass ich im Leben auch radikal scheitern kann, erst wenn ich mir über die Endlichkeit all meiner Pläne bewusst bin, lebe ich ganz in der Realität.

Auf dieser Erkenntnis darf ich aber dennoch die Frage stellen:  Woher komme ich? Wohin gehe ich? Was erhält mich am Leben? Eben: Wovon lebe ich, wenn das Überleben vorerst gesichert ist?

Jesus offenbart sich im Evangelium als Realist. Er weiss, dass die Frage nach dem öffentlichen Ansehen, nach der Stellung in Gesellschaft und Familie, nach einer persönlichen Befriedigung im Menschen so wichtig sein kann, dass es die Antwort auf die Sinnfragen des Menschen negativ beeinflussen kann.
In seiner Beschreibung der Realität stellt er jeweils immer wieder etwas in den Mittelpunkt, das mehr ist als Ansehen und Ehre:
DA IST JEMAND, DER DIR ZUHÖRT, AUCH WENN NIEMAND ANDERS MEHR DA IST.

Wir tun heute diesen Anfang des „Vertrauen Säens“ mit der sehr realistischen Geste der Aschenauflegung. Aber denken wir daran: Die Asche stammt aus den Ästen der Palmzweige des letzten Jahres. In ihnen steckt die Kraft der Hoffnung vieler Menschen, die sich verbindet und vereint mit den Abermillionen Menschen, die vor uns Vertrauen aussäten und die auf Vertrauen, Hoffnung und Liebe hin lebten.
Es lohnt sich, diesen Weg der Saat weiterzugehen. Eine gesegnete Fastenzeit wünsche ich Ihnen und uns in diesem Sinne.

Das Leben Jesu ist das des Vertrauens. Er lebt aus Vertrauen auf den Vater, auf den Ursprung des Lebens und der Liebe. Dieses Vertrauen kommt nicht aus Verzweiflung, weil die Menschen nicht genügend Dankbarkeit entwickeln für unsere guten Absichten. Dieses Vertrauen kommt aus der Überzeugung, dass es einen URSPRUNG ALLES GUTEN GIBT, der sich finden lässt. Das, was wir aus der Überzeugung der Liebe und der Dankbarkeit tun, ist gut und wird gesehen, auch wenn es in der Welt über-sehen wird.

Solches Vertrauen in Gott und den eigenen Beitrag zum Wachstum des Reiches Gottes hat Jesus ausgesät.
Auch wir als Seelsorgende haben uns in diesem Jahr dieser Herausforderung gestellt: Wir wollen sie einladen, Vertrauen wachsen zu lassen inmitten karger Wüsten des Misstrauens und der Verunsicherung. Dies konkret Gestalt annehmen zu lassen braucht eine innere Einstellung. Die Worte der Heiligen Schrift, die Worte von Jesus in den Evangelien zeugen von einem grossen Vertrauen gegenüber dem Vater – auch und gerade dann, wenn er von den meisten Zeitgenossen abgelehnt, verfolgt und verurteilt wird. Das ist die Alternative auch heute zu einer sich verschliessenden Welt, deren Angst übergross wird, etwas verlieren zu können, was man ohnehin nicht für alle Ewigkeiten besitzt.

Ein Schicksal, dass von Angst, Verzweiflung oder Misstrauen geprägt ist, kann keine Alternative für uns und für unsere Gesellschaft sein.
Es ist heute wichtiger denn je, Vertrauen zu säen, klar, offen, zugänglich zu sein für die Menschen um uns herum und für die Aufgaben, die uns heute gestellt sind. Nur durch die Bereitschaft, Vertrauen wachsen zu lassen, wird meines Erachtens der dritte Punkt der italienischen Bischöfe ermöglicht: Die HOFFNUNG. Hoffnung nicht als Wunschtraum oder -erfüllung, sondern als Kraftquelle für unser Leben und unser Vertrauen, das in die Zukunft führt – in eine Zukunft des Reiches Gottes.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               Thomas Lichtleitner





7. Sonntag im Kirchenjahr A

23. Februar 2020 

Einführung in die Lesung

      Die Sätze, die wir in der Lesung zum heutigen Sonntag aus dem Buc Levitikus hören, zeigen eindeutig, dass Nächstenliebe  zum Grundbestand der jüdischen Glaubenstradition gehört.
      Einmal mehr wird uns dadurch bewusst, wie sehr unser christlicher Glaube mit den Wurzeln jüdischer Glaubenserfahrung verbunden ist.
      Hören wir gut auf die Worte aus dem Ersten Testament!

Lesung aus dem Buch Levitikus
(Levitikus 19,1-2.17-18)
  

      Der HERR sprach zu Mose: Rede zur ganezn Gemeinde der Israeliten und sage zu ihnen: Seid heilig, denn ich, der HERR, euer GOTT, bin heilig.
      Du sollst in deinem herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen. Weise deinen Mitbürger zurecht, so wirst du seinetwegen keine Sünde auf dich laden.
      An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR.

Lesung aus dem Evangelium nach Matthäus
(Matthäus 5,38-48)

      In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halte ihm auch die andere hin!
      Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel!
      Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm! Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab.
      Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten, und er lässt regnen  über Gerechte und Ungerechte.
      Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? Und wenn ihr nur eure Brüder grüsst, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden?
      Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist! 

Predigtwort
Gedanken zur Bergpredigt im Matthäusevangelium 

      Was wir jetzt in der Frohbotschaft gehört haben ist ein Teil aus der Bergpredigt im Matthäusevangelium. Die JESU-Worte in der Bergpredigt sind kräftige ethische Nahrung.
      Beim ersten Hinhören kann der Gedanke kommen, es gehe hier um das Einhalten und Erfüllen von Gesetzen. Bei näherem Betrachten ist aber gut erkennbar, dass es in der Bergpredigt nicht um Gesetze geht, sondern um geistige Haltung, um prophetische Anregung, um Einladung zu vollem Leben.
      Der Schlusssatz vom heutigen Evangelium bringt sogar die Anregung: „Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist.“
      Ist das nicht eine unerfüllbare Aufforderung? Klare biblische Überzeugung ist doch, dass nur GOTT vollkommen ist. Jeder Mensch hat Fehler, Schwächen, Unvollkommenheiten.
      Was hier aus dem griechischen Urtext mit  „vollkommen“ wiedergegeben wird, kann auch mit erwachsen, volljährig, reif übersetzt werden.
      Dass wir erwachsen und reif werden sollen in unserer inneren, menschlichen Haltung, das ist für mich ein echter Ansporn; das kann ich mit meiner Auffassung von GOTT, dem einzig wirklich Vollkommenen, gut in Einklang bringen.
      Wie kann man diese Worte JESU, die vor über 1900 Jahren formuliert worden sind, in heutiger modernen Form beschreiben? Ich versuche es mal so:
      In der Botschaft Jesu vom Reich Gottes geht es „um eine neue Freiheit: Wir sollen frei werden von der grösseren Wirklichkeit Gottes her, die nicht nur mich, sondern alle Menschen umfängt und durchdringt.
      Ich brauche dabei nicht zum Asketen zu werden; auch Jesus hat bekanntlich Wein getrunken und an Gastmählern teilgenommen.
      Aber ich soll auch nicht in einem egoistischen Lebensstil nur meine eigenen Interessen pflegen und Bedürfnisse befriedigen. Vielmehr gilt es, im Alltag das Wohl des Nächsten, der uns gerade braucht, im Auge zu behalten. Und dies heisst: ihn nicht beherrschen wollen, sondern ihm, soviel wir eben können, helfen. Und in allem Güte  praktizieren und wo nötig Verzeihen und Verzichten üben.
      Tatsächlich ist diese Botschaft JESU vom Reich GOTTES für jedes von uns ganz persönlich immer wieder eine neue Herausforderung.
      In dem Sinne ist uns das Leben JESU, sein Leiden, sein Tod am Kreuz und seine Auferstehung zu neuem Leben zur Grundlage unserer christlicher Spiritualität geworden.
      JESUS CHRISTUS ist für uns, wie es das Johannesevangelium formuliert, „der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6).
      In diesem Sinn glaube ich als Christ nicht nur an GOTT, sondern auch an JESUS CHRISTUS. JESUS CHRISTUS ist das christliche Lebensmodell in Person! Christliches Leben ist Leben im GEIST CHRISTI.
      Dies also meint christliche Spiritualität in der Praxis: nicht das Bekenntnis zu einem Dogma oder zu einer Doktrin, sondern seinen je persönlichen Weg gehen in der Spur von JESUS CHRISTUS und IHM so nachfolgen.
      Recht und schlecht, mit Hochs und Tiefs, wie es nun eben Menschenart ist. Aber doch immer wieder neu angetrieben vom GEIST JESU CHRISTI, von GOTTES GEIST.

Für uns Christen lässt sich
in solcher Glaubenshaltung und Spiritualität
gemäss der Bergpredigt in der Spur JESU
ehrlich und froh handeln und wirken,
leben und sterben
auch in unserer heutigen
moderne, digitalen Welt.

 

Hans Schwegler

 


„Sonntag des Wortes GOTTES“ - 3. So A
Sonntag 26. Januar 2020

Einführung in die Lesung 

      Wir hören heute einige Sätze aus dem ersten Brief des Apostel Paulus an die junge Christengemeinde in Korinth. Schon die paar wenigen Sätze aus dem ersten Kapitel dieses Briefes zeigen uns, dass es für uns Christen eh und je nötig ist, immer wieder für Frieden und gute Gemeinschaft zu wirken und so der Spur JESU CHRISTI zu folgen.

Lesung aus dem Ersten Brief des Apostel Paulus
an die Gemeinde in Korinth
(1 Kor 1,10-13.17)

       Ich ermahne euch, Schwestern und Brüder, im Namen unseres Herrn JESUS CHRISTUS: Seid alle einmütig und duldet keine Spaltungen unter euch; seid vielmehr eines Sinnes und einer Meinung!

      Es wurde mir nämlich, meine Brüder und Schwestern, von den Leuten der Chloe berichtet, dass es Streitigkeiten unter euch gibt. Ich meine damit, dass jeder von euch etwas anderes sagt: Ich halte zu Paulus – ich zu Apollos – ich zu Kephas – ich zu Christus.
     
Ist denn Christus zerteilt? Wurde etwas Paulus für euch gekreuzigt? Oder seid ihr auf den Namen des Paulus getauft worden?
      Christus hat mich nicht gesandt zu taufen, sondern das Evangelium zu verkünden, aber nicht mit gewandten und klugen Worten, damit das Kreuz Christi nicht um seine Kraft gebracht wird. 

 

Lesung aus dem Evangelium nach Matthäus
(Matthäus 4,12-17)

      Als Jesus hörte, dass Johannes ausgeliefert worden war, kehrte er nach Galiläa zurück. Er verliess Nazaret, um in Kafarnaum zu wohnen, das am See liegt, im Gebet von Sebulon und Naftali. Denn es sollte sich erfüllen, was durch den Propheten Jesaja gesagt worden ist:
      Das Land Sebulon und das Land Naftali, die Strasse am Meer, das Gebiet jenseits des Jordan, das heidnische Galiläa: Das Volk, das im Dunkel sass, hat ein helles Licht gesehen; denen, die im Schattenreich des Todes wohnten, ist ein Licht erschienen.
      Von da an begann Jesusnzu verkünden: Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe.

 

Predigtwort
Nachfolge JESU und Heiligkeit GOTTES

      In der Evangeliumslesung des heutigen Sonntags wird erzählt, dass JESUS seinen Heimatort Nazareth verlässt und hinunter zieht nach Kapharnaum am See Gennesareth. Dort begegnet er Menschen, die er bis anhin nicht gekannt hatte.
      Unter anderem kommt er dort in Kontakt mit zwei Brüderpaaren: Simon und Andreas, sowie Jakobus und Johannes. Diese jungen Männer waren Fischer. Das Matthäusevangelium sagt dann kurz und bündig: „Kommt her, mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. Sofort liessen sie ihre Netze liegen und folgten ihm nach.“
      Diese drei kurzen Sätzen weisen auf  das hin, was wesentlich ist, nämlich: Jesus ruft  Menschen in seine Nachfolge, die Gerufenen lassen ihre bisherige Tätigkeit liegen und folgen dem Ruf JESU.
      Im konkreten, gelebten Alltag damals, hat Jesus wohl diese jungen Fischer mehrmals getroffen und mit ihnen gesprochen und sie sind Freunde geworden, so sehr dass sie dann bereit waren, einen neuen Lebensweg anzutreten, einen Weg, der bis nach Jerusalem führte, bis zum Tod Jesu am Kreuz und über diese Katastrophe hinaus in eine neue Zukunft des Vertrauens und der Gemeinschaft der ersten Christen.
      Bei uns heute beginnt traditionellerweise die Berufung zum Glauben an Jesus mit der Taufe. Die meisten von uns wurden als Kind getauftUnsere Eltern wollten, dass wir zur Gemeinschaft der Kirche gehören und dass wir ausgerichtet werden auf die Lebensspur, die uns JESUS CHRISTUS gebahnt hat.
      In unserer St. Annakirche taufen wir die Kinder normalerweise im Gemeindegottesdienst, damit wir immer wieder daran erinnert werden, dass wir durch die Taufe berufen und hineingenommen sind in eine besondere Gemeinschaft der Liebe und Verbundenheit mit GOTTund unseren Mitmenschen.
  Im Laufe unseres je persönlichen Lebens mit den Chancen und Schwierigkeiten unserer Lebenssituation, mit den Begegnungen und Vergegnungen mit Menschen, und auch mit dem Hören auf unsere innere Stimmeerfahren wir  immer wieder persönliche Berufung zu Respekt, zu Mitmenschlichkeit, zu VertrauenHoffnung und Liebe. Und das immer und immer wieder. Martin Buber hat diese Erfahrung einmal so formuliert: „Jeder Tag ist eine neue Berufung“.
      Diese Verbundenheit mit GOTT ist ein tiefes Geheimnis. Wir reden traditioneller Weise oft von GOTT, als ob wir GOTT inwendig und auswendig kennten. Dabei ist GOTT das grosse, allumfassende Geheimnis.
      Wenn wir im christlichen Sprachgebrauch sagen: „GOTT ist der HERR“, so ist das ein Ausdruck, weil wir keinen wirklichen, adäquaten Namen haben für das Unsagbare. In der hebräischen Bibel stehen an Stelle des Gottesnamens vier Buchstaben, das sog. „Tetragramm“, das man übersetzen könnte mit: „ICH BIN DA“ oder „ICH WERDE DA SEIN“. Die praktizierenden Juden sprechen das Tetragramm aus Ehrfurcht niemals aus, sondern sagen dafür „ADONAI“.
      Es hat einen tiefen Sinn, wenn wir einen  ehrfürchtigen Umgang pflegen mit dem unerfasslichenallumfassenden Geheimnis GOTT. Mich freut es, dass diesen tiefen Sinn auch Musikkünstler erahnt haben. So vor allem auch Franz Schubert in seinem Sanctus-Lied „Heilig, heilig, heilig...“. Wie Schubert die unfassbare Heiligkeit GOTTES mit dem Pianissimocharakterisiert, ist einfach genial. Im heutigen Gottesdienst am Sonntagmorgen wird uns der Männerchor dieses Heilig-Lied mehrstimmig singen. 

 

Gottesdienst und Evangelium erinnern uns
an die wunderbare, niemals voll erfassbare
LIEBE und HEILIGKEIT GOTTES.
Wir werden so ermutigt
unsere persönliche  Berufung
jeden Tag voll und in Freude zu leben.
Vergessen wir nicht:
Jeder Tag ist eine neue Berufung! 

 

Hans Schwegler



Taufe JESU
Sonntag 12. Januar 2020
 

Einführung in die Lesung

      Die Lesung, die wir am Fest der Taufe des Herrn hören, stammt aus dem zweiten Teil des Prophetenbuches Jesaja. Der Text entstand in der Zeit des toleranten Königs Kyrus von Persien  um 550 v.Chr. Es ist das erste der vier „Gottesknechtslieder“. Schon die christliche Urgemeinde in Jerusalem hat in der Schilderung dieses Gottesknechts ein Vorausbild gesehen für JESUS, den Barmherzigen und Rettenden.
      Hören wir gut auf diese eindringliche und berührende Lesung!

Lesung aus dem Buch Jesaja
(Jesaja 42,5a.1-4.6-7)

      So spricht Gott, der HERR: Siehe, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Nationen das Recht. Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Gasse erschallen. Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht. Er verglimmt nicht und wird nicht geknickt, bis er auf der Erde das Recht begründet hat. Auf seine Weisung warten die Inseln.
      Ich, der HERR, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich schaffe und mache dich zum Bund mit dem Volk, zum Licht der Nationen, um blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und die im Dunkel sitzen, aus der Haft.
 

Lesung aus dem Evangelium nach Matthäus
(Matthäus 3,13-17)

      In jener Zeit kam Jesus von Galiläa an den Jordan zu Johannes, um sich von ihm taufen zu lassen. Johannes aber wollte es nicht zulassen und sagte zu ihm: Ich müsste von dir getauft werden und du kommst zu mir?
      Jesus antwortete ihm: Lass es nur zu! Denn so können wir die Gerechtigkeit ganz erfüllen. Da gab Johannes nach.
      Als Jesus getauft war, stieg er sogleich aus dem Wasser herauf. Und siehe, da öffnete sich der Himmel und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. Und siehe, eine Stimme aus dem Himmel sprach: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe. 

 

Predigtwort

Berufung – Reformen – spirituelle Ressourcen

      Das heutige Evangelium berichtet von einem wichtigen Ereignis: JESUS begegnet Johannes dem Täufer am Jordan.
      Die drei Evangelien MarkusMatthäus und Lukas schildern uns eindringlich, dass JESUS in dieser schicksalshaften Begegnung mit Johannes seine spezifische Berufung erfahren hat. Die Stimme aus dem Himmel: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden“ ist das biblische Symbol für JESU besondere BerufungEr erlebt sich von GOTT geliebt wie von einem guten Vater oder guten Mutter.
      Auf das hin hat JESUS seinen Brotberuf als Baufachmann aufgegeben und in Galiläa und Judäa mit Worten und heilsamem Tun die Nähe des Gottesreiches verkündet und spürbar gemacht.
      In den Jahrhunderten danach hat sich diese Glaubens-erfahrung zur Weltreligion entwickelt. Dabei gab es in diesen  2000 Jahren Kirche verschiedene Hochs und Tiefs.
      Im heutigen Europa erleben wir eine Phase starker Säkularisierung und auch die weltweiten Bewusstwerdung von sexuellem Missbrauch und dessen systemischer Vertuschungim Klerikerstand. Das ruft laut und eindringlich nach Reformen.
      Dabei wird die Aufhebung des Pflichtzölibats, die Öffnung des Amtes für FrauenGewaltenteilung und Demokratisierung der Kirche als Heilmittel empfohlen. Das sind tatsächlich wichtige Aspekte, die gut zu beachten sind. Allerdings zeigt ein Blick auf die protestantischen Kirchen, in denen solche Reformwünsche erfüllt sind, dass die Erneuerung der Kirche auch noch anders ansetzen muss.
      Es gilt heute auch zu überlegen: Wie können wir die religiösen Kräfte, von denen Generationen vor uns gelebt haben, neu zu Wirkung kommen lassenJan-Heiner Tück, ein katholischer Theologieprofessor in Wien, hat kürzlich in der Presse auf Goethe hingewiesen. In Goethes zweiten Buch von „Dichtung und Wahrheit“ aus dem Jahr 1812, finden sich erstaunliche Gedanke, die hilfreich sein können gegen die Verkümmerung des symbolischen Sinns heiliger Handlungen in der Kirche.
      Kaum ein Theologe hat wie Goethe so stichhaltig und schön über die Sakramente als Zeichen der göttlichen Liebe und Zuwendung geschrieben. An den Knotenpunkten des Lebens von GeburtAdoleszenzHochzeit oder Tod gibt es Riten, welche diese Welt mit der Welt des ganz Anderendes Heiligen, verbinden.
      Goethe beginnt mit der Liebe. Mann und Frau, die sich gefunden haben und nicht mehr voneinander lassen wollen, reichen sich die Hände: „Der Priester spricht seinen Segen darüber – und das Band ist unauflöslich.“ Ein solches Band entspricht der menschlichen Sehnsucht, dass wir das Ja zueinander im Ja eines Dritten möchten gefestigt und verankert wissen.
      Goethe schreibt weiter: Liebe kann und will nicht im geschlossenen Kreis der Zweisamkeit bleiben, sie drängt über sich hinaus und bringt das Kind als Mitgeliebtes hervor. Der wehrlose Säugling aber wird „mit heiligem Wasser gereinigt“ und durch die Taufe der Kirche „einverleibt“. Damit wird dem Täufling eine unauslöschliche Christusverbundenheit und Kirchenverbundenheit eingezeichnet.
      Zudem sollte die Taufe kein isoliertes Datum in der religiösen Biographie eines Menschen bleiben. Wird das Kind mit den biblischen Geschichten vertraut gemacht, lernt es Gebete wie die Psalmen oder das Vaterunser; und nimmt es dann am Gottesdienst teil, dann wird es religiös sprach- und liturgiefähig. An der Schwelle zum Erwachsenenalter gibt es dafür ein eigenes Zeichen, das die Mündigwerdung im Glauben bekräftigt: die Firmung. Damit ist der junge Mensch entschieden ein Christ oder Christin mit dem Bewusstsein der Würde und auch der Pflichten als Christ oder Christin.
      Des weiteren empfiehlt Goethe den Weg zur Beichte als Weg zur Linderung von der Gewissensschuld. Statt die Schuld zu verdrängen oder auf andere abzuschieben, kann sie im Licht der Gnade bekannt, bereut und vergeben werden.
      Den direktesten Kontakt mit dem Heiligen gibt es im Ritual der heiligen Kommunion.Goethe betont hier: „Im Abendmahl sollen die irdischen Lippen unter der Form irdischer Nahrung einer himmlischen teilhaftig werden. Dieser Sinn ist in allen christlichen Kirchen derselbe; immer bleibt es eine heilige, grossen Handlung“.
      Wenn sich später der Bogen des Lebens zu Ende neigt, gibt es an der „Pforte des Todes“ ein weiteres Heilmittel: Mit den Sterbesakramenten versehen, kann der Mensch getrost Abschied nehmen und die grosse Reise antreten, die alles Irdische hinter sich lässt.
      Goethe denkt auch an das Sakrament, das die anderen Sakramente ermöglicht, wenn er notiert: „In der Weihe des Priesters ist alles zusammengefasst, was nötig ist, um die heiligen Handlungen wirklich zu begehen...“
      Der Protestant und Dichter Goethe gibt der katholischen Theologie so einen heilsamen Anstoss, sich nicht nur auf Ämterstruktur zu konzentrieren, sondern auch die geistlichen, sinnenfälligen und spirituellen Ressourcen neu in den Blick zu nehmen.
      Durch die Worte des Evangeliums und die sinnlich prägnanten Zeichen der Sakramentekönnen GOTTES Gnade und Zuwendung uns Menschen HaltTrost und Frieden schenken.

 

Denn seit unserer Taufe ist auch über uns
der Himmel geöffnet! Auch uns gilt die Stimme GOTTES:
„Du bist mein geliebter Sohn!
Du bist meine geliebte Tochter!“

 

Hans Schwegler