Predigt Gedanken


Weihnachten
Mittwoch, 25. Dezember 2019 

„Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet“

Einführung in die Lesung

      Die Lesung am heutigen Weihnachtstag  ist aus dem zweiten Teil des Propheten-buches Jesaja. Dieser Teil ist nach der Rückkehr aus dem Exil in Babylonien im Heimatland Israel entstanden und im 5. oder 4. Jahrhundert v.Chr. ins Prophetenbuch Jesaja eingefügt worden.
      Es ist ein Freudenlied, das erinnert an die frohe Zeit der Rückkehr nach Jerusalem und so Heimat, neues Licht und neues Heil verkündet.
      Hören wir achtsam auf die trostvollen Worte des Prophetenbuches Jesaja!

Lesung aus der Buch Jesaja
(Jesaja 52,7-10)

      Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Heil verheisst, der zu Zion sagt: Dein Gott ist König.
      Horch, deine Wächter erheben die Stimme, sie beginnen alle zu jubeln. Denn sie sehen mit eigenen Augen, wie der HERR nach Zion zurückkehrt.
      Brecht in Jubel aus, jauchzt zusammen, ihr Trümmer Jerusalems! Denn der HERR hat sein Volk getröstet, er hat Jerusalem erlöst. Der HERR hat seinen heiligen Arm vor den Augen aller Nationen entblösst und alle Enden der Erde werden das Heil unseres Gottes sehen.

Aus der Frohen Botschaft nach Johannes
(Johannes 1,1-5.9-14)

         Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. In ihm war das Leben und das Leben war das Licht der Menschen. Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.
      Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.
      Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.
      Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit.

Predigtwort

„Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet“

      Im Gottesdienst gestern mitten in der Nacht, haben wir im Evangelium gehört von der Geburt JESU in Bethlehem im Stall, mit der Krippe, den Engeln und den Hirten.
      Heute Morgen aber sind wir überrascht, wie so anders das Johannesevangelium uns anspricht. Dieses vierte und letzte Evangelium ist eine Generation später geschrieben worden als die drei ersten. In dieser Andersheit der vier Evangelien zeigt sich, wie biblische Texte geprägt sind von der Situation, in der sie entstanden sind.
      Was die Erzähler der Hirtengeschichte noch nicht so sagen konnten, hat das Johannesevangelium mit der Erkenntnis der Christen in der griechischen Welt in seinem Vorwort, dem sog. „Prolog“, ausgesprochen.
      Aus der Vielfalt der Gedanken dieses berühmten Prologs nehme ich jetzt nur einen Aspekt genauer in den Blick, nämlich das Phänomen „Licht“.
      Wir alle kennen den Unterschied zwischen Licht und Finsternis. Gerade jetzt im Winter wird uns tag-täglich bewusst, welch ein Unterschied ist zwischen Licht und Finsternis. Unheimlich, wenn das Licht ausfällt und wir nichts mehr sehen. Und wenn dann plötzlich  ein Licht aufleuchtet, ist das wie eine wunderbare Befreiung.

      Bei Licht haben  wir den Durchblick: wir sehen den Weg, wir erkennen Ziele und Hindernisse. Wir sind bei Licht freudiger und glücklicher als in der Dunkelheit.
      Das Wort „Licht“ bezeichnet nicht nur das, was visuell mit den Augen  wahrgenommen wird, sondern ebenso sehr auch was seelisch in uns vorgeht. Darum kann ein erlösendes Wort, eine liebevolle Geste, eine helfende Tat auch „Licht“ sein in der Finsternis.
     Es ist auffallend, dass in den ersten Sätzen, ganz am Anfang der Bibel, GOTT inmitten der Finsternis das „Licht“ erschafft.
      In der Botschaft der Propheten bedeutet „Licht“ Heil und „Finsternis“ bedeutet „Unheil“.
      Im Neuen Testament ist „Licht“ Sinnbild oder Ausdruck für „Leben“ (Joh 1,9), wie auch Ausdruck für Wahrheit, Klarheit und Orientierung (Joh 8,12).
      Der Ausdruck „Licht“ kann im Neuen Testament auch die Sphäre GOTTES bedeuten: „Gott ist Licht“, heisst es im Ersten Johannesbrief (1 Joh 1,5), und Christus ist das „wahre Licht“ (Joh 1,8f), verkündet der Johannesprolog.
      Wie ist wohl diese Bedeutung von Licht entstanden? Juden und Nichtjuden in damaliger Zeit haben das Leben und Wirken JESU, seinen Kreuzestod und die starke geistige Wirksamkeit nach seinem Tod erfahren. Die Liebe zu JESUS CHRISTUS wird so als Sinn-Erhellung für Leben und Tod erfahren; die Liebe zu JESUS CHRISTUS ist für die Christen damals wie ein wunderbares seelisches Licht.
      Man fühlt es ganz intensiv im Neuen Testament, dass Verbundensein in Liebe mit JESUS CHRISTUS dem menschlichen Leben und Sterben neuen, unzerstörbaren Sinn verleiht. Das wohl meint das Bekenntnis: Christus ist das „wahre Licht“.

      Was können diese intensiven biblischen Erfahrungen uns heute sagen?
      Das Leben JESU kann auch für uns vorbildlich und erhellend sein. JESU Wirken durch Wort und Tat, seine Zuwendung und Liebe zu den Menschen, sein Kreuzestod, sein geistvolles Wirken nach seinem Tod in der ganzen Welt und über all die Jahrhunderte hin kann uns Licht schenken, Licht auch ins Dunkle des Todes. So erfahren wir die Liebe GOTTES durch JESUS CHRISTUS, der uns „wahres Licht“ ist.

      Diese seelische Erfahrung wird in unserem Gottesdienst bildhaft dargestellt, wenn zur Verkündigung der Lesung und des Evangeliums die Kerzen der Ministranten mit der Flamme vom „Ewigen Licht“ entzündet werden: Vom „Ewigen Licht“ kommt das „Licht“ hin zu uns als Volk Gottes. Wir erhalten Licht vom „Ewigen Licht“, Sinn vom „Ewigen Sinn“.

      Zu unserem Thema „Licht“ gehört noch ein wichtiger Aspekt: Auch wir Menschen können einander „Licht“ sein.
      Mit einem freundschaftlichen Wort, mit einem Zulächeln, mit einer Hilfe und einer guten Tat können wir für unsere Mitmenschen ein „Licht“ sein, das die Finsternis der Sinnlosigkeit aufhellt mit dem „Licht der Liebe“. Ja wir können und sollen „einander Licht sein“ mit unseren Worten und unseren Taten.
      Eine Erzählung aus dem konkreten Leben hat diese Erfahrung mir tief ins Herz gesprochen: Martin Buber, der berühmte Philosoph und Übersetzer der hebräischen Bibel, erzählt in einem seiner Bücher folgende Erfahrung aus seiner Kindheit:
      „Als ich ein Kind war, las ich eine alte jüdische Sage, die ich nicht verstehen konnte. Sie erzählte nichts weiter als dies: „Vor den Toren Roms sitzt ein aussätziger Bettler und wartet. Es ist der Messias.“ Damals kam ich zu meinem Grossvater und fragte ihn: „Worauf wartet er?“ Und der alte Mann antwortete mir etwas, was ich damals nicht verstand, und erst viel später verstehen gelernt habe; er sagte: „Auf dich.“

Ich verstehe das so:
Jede Not, die uns wirklich begegnet, 
wartet auf uns, also auf dich und dich und mich, 
dass wir helfen,
und so
für die Leidenden zum Licht werden.

 

Hans Schwegler


Texte:

Lesung:    Jes 11,1-11

Evangelium: Lk 1,26-38

„Maria – Die Mutter Jesu“

Bedrängnis und Vertrauen in früherer Zeit

Der Text der Lesung ist jener vom 2. Advent. Dem Propheten Jesaja geht es in diesem ersten Teil des Prophetenbuches ganz und gar um Gerechtigkeit und soziales Bewusstsein, gepaart mit einem unverbrüchlichen Vertrauen auf Gott, auf den allein sich der Mensch im Gegensatz zu militärischen Bündnissen und äusserer Macht stützen soll.
Der Verfasser des Prophetenbuches spricht ungemein positive Worte aus. Er erhofft den Messias, der ALLE Völker der Erde zu einem grossen Friedensmahl versammeln wird.
Dieses Vertrauen auf Gott wird auch in höchster äusserer Bedrohung und Not nicht aufgegeben. Es bleibt für Jesaja auch dann bestehen, wenn sich alles zum äusserlich Schlechten wendet.

Menschliche Erfahrungen des Mutter-Seins

Von Vertrauen ist auch im zweiten Text die Rede, von der Verheissung an Maria, den Messias Gottes zu gebären.
Im Predigttitel zum heutigen Festtag kommt bereits zum Ausdruck, worauf der Akzent gelegt ist: Es geht um die Mutter Jesu. Es geht heute nicht so sehr um die vielen anderen ehrwürdigen und tiefgreifenden Titel, die Maria im Laufe der Kirchengeschichte aus Respekt und Verehrung gegeben wurden. Es geht heute vor allem um den Zugang zum Menschen Maria, zur Mutter!

Zunächst einmal können wir sicher festhalten, dass Maria als Mutter ein grosses Urvertrauen ausstrahlte. Das kommt schon im schlichten Schlusssatz des Evangeliums zum Ausdruck „Siehe, ich bin eine Magd des HERRN, mir geschehe nach DEINEM Wort.“
Oder die Worte Marias bei der Hochzeit von Kanaan, nachdem Jesus zuerst vergeblich um Hilfe angesprochen wurde. Maria sagt zu den Dienern des Bräutigams: „Was er euch sagt, das tut“. Sie spricht Vertrauen aus, lange bevor der erste Apostel in den Berichten der Evangelisten den ersten halbwegs sinnvollen, bzw. vertrauensvollen Satz ausspricht.
Sie hat Vertrauen und schenkt Vertrauen.

Wie sehr muss Maria auch von Freude erfüllt gewesen sein, als sie ihren Sohn als jungen Mann im Tempel mit den Schriftgelehrten hatte diskutieren hören.
Und wie sehr muss sie mitgelitten haben bei der Flucht aus Bethlehem, das Neugeborene mit sich tragend und nicht wissend, was die Zukunft bringen soll.

Wie viele Tränen mag sie geweint haben, als sich ihr Sohn auf seinen Dienst konzentrierte; von Zuhause wegging auf einen unsteten Weg durch Israel, angefeindet, verfolgt, umstritten.

Mutter in allen Situationen des Lebens
Maria hatte sicherlich auf der einen Seite mit ganz anderen Lebensumständen zu kämpfen als wir es uns heute gewohnt sind. Das Mutterbild hat sich zumindest in äusseren Definitionen gesellschaftlich immens gewandelt. Natürlich musste sich Maria keine Gedanken machen, wie sie ihr Muttersein in Abgrenzung zur Nachbarschaft gestalten soll, in welche Waldspielgruppe oder frühkindlichen Förderunterricht sie Jesus schicken sollte.
Auch viele administrative Behördengänge blieben ihr erspart und eine Erwerbstätigkeit für eine junge Mutter war in damaliger Zeit vollkommen undenkbar.

Aber – es gibt doch bei allen unterschiedlichen Definitionen und Gegebenheiten eine zutiefst verbindende und wie ich meine auch zukunftsfähige Gemeinsamkeit:
Sehr viel ist uns nicht über Maria berichtet. Ihr Sein und ihre Worte ziehen sich aber durch die Evangelien – bis zum Schluss (und darüber hinaus). Am dunkelsten Punkt des Lebens Jesu steht sie unter seinem Kreuz; in der Kunst sind uns viele eindrückliche Bilder davon überliefert. Unter anderem auch nach der Kreuzabnahme in Form einer „Pieta“. Maria, die ihren Sohn im Arm hält.

Die Mutter begleitet auch im tiefsten Punkt des Lebens
In unserer St. Anna Kirche bildet dieses Bild das Zentrum des Altarbildes.
Eine Pieta in moderner Art, in der Jesus wie schlafend wirkt. In weisser und grauer Farbe dominiert der getötete Jesus. Dahinter erkennen wir Maria. Ihr Profil ist nur zur Hälfte erkennbar. Gedämpftes Rot strömt von ihr aus. Eine weisse Rose hält sie in den Händen. Ein Zeichen der Liebe und des Widerstandes gegen alle Macht des Todes und des Bösen.
Ihre Augen schauen nicht ihren Sohn an, sondern gehen seltsam in die Ferne. Der tote Sohn und seine Mutter neigen den Kopf in dieselbe Richtung. Es scheint so, als sähen beide, die eine mit geöffneten Augen, der andere – Jesus – mit geschlossenen Augen zu einem entfernten Ziel; wie in die Zukunft.
Ich muss gestehen, dass diese Darstellung der Pieta für mich am Anfang meines Betrachtens fast etwas Provokatives hatte. Das Schleifchen auf dem Kopf gibt Maria fast eine Leichtigkeit, die nicht zur Situation passen will. Und dann ist ihr Kopf noch so halb verdeckt…
Mit der Zeit ist dieses Bild zu einem Urbild von Vertrauen und Erkenntnis geworden.
Beide – Maria und Jesus – blicken in dieselbe Richtung. Der Blick des toten Jesus ist leer, jener der Maria mit einem Auge klar.

Dann, wenn niemand mehr bei Jesus sein will, aus Angst oder Enttäuschung - , dann ist und bleibt Maria da. Sie gehört zu der Handvoll Menschen, die Jesus bis zum Schluss die Treue bewahren und ihn auch dann noch tragen, wenn nach menschlichem Ermessen keine Reaktion, kein Dank, keine Zukunft mehr zu erwarten ist. Es ist die Liebe, zu der wohl nur eine Mutter fähig sein kann.

Das Grundmotiv der Verehrung Mariens war zu allen Zeiten jenes der „Mutter“. Das Bild, dem eine Erfahrung entspricht, dass die Mutter die letzte Zuflucht eines Menschen bedeutet. Diejenige Bindung also, die sowohl körperlich als auch geistig ganz wesentlich miteinander verbunden ist und entscheidend ist für die Entwicklung eines Menschen. Es ist zuallererst also eine persönliche Erfahrung.Und es war wohl auch immer wieder ein subversiver Protest gegen das, was allzu sehr „patriarchal“ und überheblich daherkam – auch innerhalb der Kirche.

In Maria fanden die Menschen eine Ruhe und einen Frieden, weil sie ihnen nahe war. Weil sie nicht zu den Mächtigen, sondern zu den Ohnmächtigen gehörte. Maria gehörte zu den Menschen, die sich als „klein“ einschätzten; die ohnmächtig waren – und die sich doch nicht alle Hoffnung und Lebenswillen haben nehmen lassen.
Das Christentum hat sich in aller Verfolgung gerade in unserer Kirche auch durch diese subversive Kraft der Marienverehrung am Leben erhalten.

Es ist eine Erfahrung, die ich uns heute wünsche. Gerade in den Momenten und Zeiten der Krise, der Entscheidung, des Ringens und der Ohnmacht: Die beharrliche Liebe der Mutter Jesu, wie sie uns in den Passagen der Bibel begegnet; die Nähe zu den Menschen, ihr stilles Verstehen und Zuhören – bis zu den tiefsten Punkten des Lebens.

Thomas Lichtleitner







1. Adventsonntag A
Samstag / Sonntag
30. Nov. / 1. Dez. 2019 

Lesung aus dem Buch Jesaja
(Jesaja 2, 1-5)

         Das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amos, über Juda und Jerusalem geschaut hat.
         Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg des Hauses des HERRN steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Nationen. Viele Völker gehen und sagen: Auf, wir ziehen hinauf zum Berg des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs. Er unterweise uns in seinen Wegen, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion zieht Weisung aus und das Wort des HERRN von Jerusalem.
         Er wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg.
         Haus Jakob, auf, wir wollen gehen im Licht des HERRN. 

Aus der Frohen Botschaft nach Matthäus
(Matthäus 24, 37-44)

         In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wie es in den Tagen des Noach war, so wird die Ankunft des Menschensohnes sein.
         Wie die Menschen in jenen Tagen vor der Flut assen und tranken, heirateten und sich heiraten liessen, bis zu dem Tag, an dem Noach in die Arche ging, und nichts ahnte, bis die Flut hereinbrach und alles wegraffte, so wird auch die Ankunft des Menschensohnes sein.
         Dann wird von zwei Männern, die auf dem Feld arbeiten, einer mitgenommen und einer zurückgelassen. Und von zwei Frauen, die an derselben Mühle mahlen, wird eine mitgenommen und eine zurückgelassen.
         Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt.
         Bedenkt dies: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde in der Nacht der Dieb kommt, würde er wach bleiben und nicht zulassen, dass man in sein Haus einbricht.
         Darum haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet. 

Predigtwort
Noach – Babel – Abraham

         Wieder stehen wir am Anfang eines neuen Kirchenjahres.
In diesem Advent 2019 werden die Predigten in unserer St. Annakirche angeregt durch das Leitmotiv: „Vorbilder in BIBEL und LEBEN heute.
         Das Evangelium, das wir eben gehört haben, zeigt uns drei Situationen, die uns vorbildlich sein können.
         Da ist einmal Noach. Er wird in der Bibel als bewährter Mann charakterisiert; ein Mensch, der mit GOTT wandelte, der treulich tat, was ihm seine Lebenssituation und seine innere Stimme eingab.
         Da kam eine riesige Flut über das Land, die alles Leben erstickte. Noach aber wurde mit seiner Familie gerettet durch die Arche, die er auf Eingebung GOTTES erbaut hatte. Nach seiner wunderbaren Rettung dankt Noach GOTT mit einem Dankesopfer.
         Auf das hin hat GOTT mit Noach einen Bund geschlossen und versprochen: „Nicht noch einmal will ich alles Lebende der Erde schlagen, wie ich getan habe...“ (Gen 8,21) Und weiter: „Das sei das Zeichen des Bunds, das ich setze zwischen mir und euch, für ewige Zeiten. Meinen Bogen setze ich ins Gewölk, und er sei zum Zeichen des Bundes zwischen mir und der Erde.“ (Gen 9,12-13)
         So ist der Regenbogen zum Bundeszeichen geworden. Bis heute beten die frommen Juden, wenn sie einen Regenbogen sehen, das Gebet: „Gelobt seist Du, ADONAI, unser GOTT, König der Welt, der du des Bundes gedenkst, treu deinen Bund hälst und dein Wort erfüllst.“
         Uns Christen zeigt das Evangelium Noach als Vorbild: „Seid also wachsam wie Noach in seiner Zeit! Haltet euch bereit! Seid achtsam, denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer HERR kommt.“
         Wir können uns auch mal fragen: Was denken und tun wir, wenn wir einen Regenbogen sehen? Wachen wir auf ? Werden wir achtsam auf die andere Dimension in unserem Leben ?
         Auf die Noach-Geschichte folgt in der hebräischen Bibel die Erzählung vom Turmbau zu Babel. Übermütig sagen da Menschen zueinander: „Auf, bauen wir uns eine Stadt und einen Turm mit einer Spitze bis in den Himmel! So wollen wir uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen!...“
         Aber das stolze Experiment geht daneben. Alle zerstreuen sich und hören aufan der Stadt zu bauen. Darum bekommt die Stadt den Namen Babel, das heisst: Durcheinander; denn dort wurden die Sprachen verwirrt und die Menschen zerstreuten sich über die ganze Erde. (Gen 11,9)
         Von dieser Turmbau-Erzählung zu Babel lernen wir, dass menschliche Gemeinschaft, dass echtes Miteinander-leben in Frieden und Gemeinschaftssinn mehr ist als grosse Parolen, mehr als stolzes Wissen und mehr als technisches Könnenechtes Miteinander verlangtVertrauenHoffen und Lieben.
         Dass solches VertrauenHoffen und Lieben wesentlich ist für erfülltes menschliches Leben zeigt die darauf folgende Abraham-Erzählung. Sie beginnt mit dem Ruf GOTTES an Abraham: „Lech lecha ...(Gen 12,1) zu deutsch: Geh für dich hin! D.h. Geh deinen Weg! Wirke mit deinen Talenten, die du hast! Höre auf die inneren Stimme, die für dich Stimme GOTTES ist!
         Abraham ist für JudenChristen und Muslime zum Vorbild geworden für Leben im Vertrauen auf GOTTES RufLeben in der Hoffnung auf Zukunft über den Tod hinaus und erfülltes Leben in Gastfreundschaft und aus Verbundenheit mit GOTT.
         Diese biblischen Ur-Erzählungen sind prägende Vorbilder für gläubiges, religiöses Leben; sie sind darum auch Auftakt zu unserem Altarbild.
         Wir haben aber nicht nur Vorbilder in der BibelJeder und Jede von uns hat auch Vorbilder in der persönlichen Lebensgeschichte. Und es ist gut und anregend, auch wieder mal zu überlegen: wer ist mir in meinem Leben Vorbild geworden und womit hat er oder sie mich geprägt? Da wird es dann sehr persönlich.
         Für mich waren und sind mein Grossvater und mein Vater entscheidend wichtige Vorbilder. Wie sie ehrlich und klug gearbeitetgelebt und gewirkt haben und gut zu mir warenauf ihre so persönliche, wunderbare Art.
         Später, als Patient im Lungensanatorium, wurde mir Sr. Aquina als glaubender Menschund Leiterin der Arbeitstherapie Vorbild und Ermutigung für meinen besonderen Lebensweg.
         Später, in meinen Kursen als Bibeltheologe, habe ich dann in besonderer Weise die engagierte Mithilfe von Frauen als vorbildlichkonstruktiv und hilfreich erfahren.
         Auch Menschen mit ihren Gedanken in Büchern können zum Vorbild werden. So sind für mich auf einzigartige Weise die Schriften von Martin Buber zu Vorbild und Inspiration geworden. Seine philosophische Grundeinsicht lautet:

„Ich werde am Du; Ich werdend spreche ich Du.
„Alles wirkliche Leben ist Begegnung.“

 
       Hinter allen und über allen Vorbildern ist für uns Christen JESUS das entscheidende VorbildJESUS CHRISTUS, wie er im Neuen Testament dargestellt und verkündet wird, nämlichJESUS als der gute Hirt.

         Für  „JESUS als der gute Hirt“ gibt es eine unerhört eindrückliche Darstellung in der romanischen Kirche in Vézelay im Burgund. Die hohen Seitensäulen dieser mittelalterlichen Kirche haben oben bildhauerisch gestaltete Kapitelle. Eines der vielen Kapitelle fasziniert da in besonderer Weise. Es ist ein tiefes religiöses Vorbild in Stein gemeisseltSichtbar für die Augen, und spürbar für die Herzen.

         Betrachten wir nun diese einzigartige Plastik!
         JESUS, der Judas auf  seinen Schultern trägt wie der gute Hirt das verlorene Schaf. Dieses fast 900 Jahre alte Kapitell zeigt die Botschaft GOTTES von Heil und Erlösung, wie Worte es wohl kaum schönereindrücklicherberührender vermitteln können. Eine überwältigende Hoffnung! Es ist allerschönste Theologie in Stein. Etwas vom Tiefsten der Frohbotschaft JESU wird hier sichtbar:
          JESUS schenkt seine Nähe nicht nach Verdienst, sondern nach der Not des Menschen, nach dem, was der Mensch in seiner Situation braucht. Darum hat JESUS den hebräischen Namen Jeshua, der bedeutet: „GOTT rettet“.
          Es gibt im Leben Situationen, da hilft nur das Tun des Guten, das Tun der Liebe, das Tunder Barmherzigkeit. Das zeigt uns der ruinierte Judas auf den Schultern des guten Hirten JESUS.
 

Auch uns gilt die Hoffnung:
„JESUS CHRISTUS,
der Judas auf seinen Schultern trägt,
trägt auch mich!“
Das ist eine Hoffnung hinter aller Hoffnungen.
Eine Darstellung von
GOTT ist LIEBE.

Hans Schwegler