Predigt Gedanken


12. Sonntag im Jahreskreis A
Sonntag 21. Juni 2020

 Einführung in die Lesung

      Die Liturgie vom heutigen Sonntag bringt eine kurze Lesung aus dem Prophetenbuch Jeremia.
      Der Prophet Jeremia stammt aus Anatot, einem Ort 6 km nordwestlich von Jerusalem. Jeremia war Priestersohn und wirkte von ca. 628 – 586 vor Christus. Jeremia trat als wortgewaltiger Prophet auf gegen die damalige unsoziale Politik. Auf das hin wurde er durch Bespitzelung verfolgt und entging hinterlistigen Mordversuchen.
      Unter Aufsicht des Priesters Paschur wurde Jeremia ausgepeitscht und in den Block gespannt. Schliesslich wurde er in eine halbausgetrocknete Zisterne geworfen und verdankte seine Rettung einem ausländischen Hofbeamten.
      Später wurde Jeremia nach Ägypten verschleppt. Vom weiteren Schicksal Jeremias ist nichts bekannt.
      Die heutige Lesung bringt nur einen ganz kleinen Ausschnitt aus dem vielfältigen Geschehen, Wirken, Erleiden, Hoffen und Vertrauen vom Propheten Jeremia.
      Hören wir gut!

 Lesung aus dem Buch Jeremia
(Jeremia 20,10-13)

      Jeremia sprach: Ich hörte die Verleumdung der Vielen: Grauen ringsum! Zeigt ihn an! Wir wollen ihn anzeigen. Meine nächsten Bekannten warten alle darauf, dass ich stürze. Vielleicht lässt er sich betören, dass wir ihn überwältigen und an ihm Rache nehmen können.
      Doch der HERR steht mir bei wie ein gewaltiger Held. Darum straucheln meine Verfolger und können nicht überwältigen. Sie werden schmählich zuschanden, da sie nichts erreichen, in ewiger, unvergesslicher Schmach.
      Aber der HERR der Heerscharen prüft den Gerechten, er sieht Nieren und Herz. Ich werde deine Vergeltung an ihnen sehen; denn dir habe ich meinen Rechtsstreit anvertraut.
      Singt dem HERRN, rühmt den HERRN; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter.

  

Lesung aus dem Evangelium nach Matthäus
(Matthäus 10,26-33)

      In jener Zeit sprach Jesus zu seinen Aposteln: Fürchtet euch nicht vor den Menschen! Denn nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird. Was ich euch im Dunkeln sage, davon redet im Licht, und was man euch ins Ohr flüstert, das verkündet auf den Dächern!
      Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können, sondern fürchtet euch eher vor dem, der Seele und Leib in der Hölle verderben kann!
      Verkauft man nicht zwei Spatzen für einen Pfennig? Und doch fällt keiner von ihnen zur Erde ohne den Willen eures Vaters. Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.
      Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem werde auch ich mich vor meinem Vater im Himmel bekennen. Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen.

 

Predigtwort
„Fürchtet euch nicht!“

      Meine Lieben!
      Dreimal spricht das heutige Evangelium uns zu Herzen: „Fürchtet euch nicht vor den Menschen!“ – „Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, die Seele aber nicht töten können!“ – „Fürchtet euch also nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.“
      Was kann diese Aufforderung JESU bedeuten für uns heute in einer Zeit der Corona-Pandemie, in einer Zeit von so beträchtlichen Umbrüchen durch Digitalisierung, Globalisierung und Klimawandel, in unserer Welt von Naturwissenschaft und Technik?
      Zunächst einmal: Die Aufforderung „Sich nicht zu fürchten“ bedeutet keinesfalls, dass wir uns nicht schützen sollen mit Naturwissenschaft, Medizin, Technik und natürlichem gesundem Verhalten. Es ist ganz klar: wir sollen all diese Möglichkeiten mit gesundem Menschenverstand für uns anwenden.
      Der Ruf JESU „Fürchtet euch nicht!“ gilt aber auch inmitten von solch modernem verantwortungsvollem Selbstverhalten.
      Die heutige Lesung aus dem Prophetenbuch Jeremia bringt ein konkretes Beispiel aus der frühen Geschichte Israels. Jeremia hat eine ganz eigene Lebens- und Glaubensgeschichte. Wie er mit GOTT redet ist beeindruckend. Bei ihm findet sich nicht das harmlos anmutende Bild vom lieben GOTT, auch nicht das einseitige Bild vom Allmächtigen, der alles kann, wenn er nur will.
      Jeremia klagt intensiv, dass GOTTES Wort ihm den ganzen Tag nur Spott und Hohn einbringt. Er erfährt offensichtlich nicht viel von der schützenden Nähe GOTTES. Umso überraschender ist es, dass er zwischendurch ein Loblied anstimmt auf diesen GOTT:
„Singt dem Herrn, rühmt den Herrn; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter!“. Sein Glaube  findet statt zwischen zähem Festhalten an GOTT einerseits und dem Erdulden finsterer Gottverlassenheit andererseits.
      Jeremia spiegelt wider, was Menschen auch heute erleben. Es gibt auch heute Menschen, deren Leben von Scheitern, Anfeindung, Hass, Schmerzen und Leiden zutiefst verdunkelt wird und so Angst und Furcht erzeugt.
      Jeremia kann auch heute Vorbild sein für Menschen, in deren Leben kein Sonnenstrahl zu finden ist und die trotzdem an GOTT festhalten. Seine Lebensgeschichte regt an, inmitten von allem Schweren, nicht zu verzweifeln, sondern im Vertrauen an  GOTT festzuhalten.
      JESUS ermutigt im Evangelium: Fürchtet euch nicht  vor denen, die den Leib töten können! Fürchtet euch vor dem, was eure Seele zerstören kann! Wer nämlich seine Seele verliert, der verliert das Vertrauen auf den gütigen Vater im Himmel, auf  das Gottvertrauen, das ihn aus der Angst vor Tod und Untergang retten kann.
       Gesundheit, Familie, Arbeit, Erfolg, Anerkennung, Freundschaften, Sympathie sind wichtig und bedeuten viel für unser Leben. Und wir haben gerade in den letzten Wochen der Corona-Pandemie wieder erfahren, wie bedeutungsvoll diese  menschlichen Erfahrungen sind. Sie sind aber nicht das Entscheidendste, nicht das Wichtigste.

      Es gibt noch eine grundlegendere, wesentlichere Erfahrung in unserem menschlichen Leben: das Vertrauen, die Hoffnung und Liebe zum grossen DU, das Vertrauen auf den Urgrund allen Seins, unser Vertrauen auf GOTT.
      Wir fallen nicht ins bodenlose Dunkel, sondern wir fallen trotz allem Leiden in GOTTES Hand. Wie das Kirchenlied so schön formuliert: 

Du kannst nicht tiefer fallen als nur in GOTTES Hand,
die er zum Heil uns allen barmherzig ausgespannt.

      Ich möchte schliessen mit einem Gedicht. Rainer Maria Rilke hat die menschlichen Erfahrungen, die wir eben besprochen haben, tiefsinnig und einzig schön in Sprache gebracht, indem er sagt:

                            Du darfst nicht warten
                           bis GOTT zu dir geht
                           und sagt: ICH BIN.
                           Ein GOTT, der seine Stärke eingesteht,
                           hat keinen Sinn.

                           Du musst wissen,
                           dass GOTT dich durchweht seit Anbeginn.

                           Und wenn dein Herz dir glüht
                           und nichts verrät,
                           dann schafft ER drin. 

                           Nur manchmal,
                           während wir so schmerzhaft reifen,
                           dass wir daran schon fast zerbrechen,
                           formt sich aus all dem,
                           was wir nicht begreifen
                           ein ANGESICHT
                           und sieht uns strahlend an.

                            (Rainer Maria Rilke)

Hans Schwegler



Pfingsten 2020
Samstag / Sonntag
30. / 31. Mai 2020

Dass wir heute miteinander zum Pfingstfest Gottesdienst feiern können ist für uns eine Freude! Denn wir leben in einer eigenartig schwierigen Zeit. Mitten in den aufwühlenden Tagen der Corona-Krise war das Osterfest und nun 50 Tage danach das Pfingstfest. Die einschlägigen Verordnungen und Regeln haben tief in unser privates, gesellschaftliches und kirchliches Leben eingegriffen. 

Einführung in die Lesungen

      Wir feiern heute „Pfingsten“, das Fest mit dem alten griechischen Namen: „Pentecoste“, was bedeutet: 50. Tag nach Ostern. Pfingsten ist ein Fest mit jüdischer Vorgeschichte: das jüdische Fest „Shavuot“ war ursprünglich ein Erntefest und es wurde dann im Judentum zum Fest der Gabe der Tora. Die Juden feiern an diesem Fest die Gabe der fünf wichtigsten Schriften im Ersten Testament. Wir in den christlichen Kirchen des Westens feiern an diesem Datum die wunderbare Gabe des heiligen Geistes.
      Zum heutigen Pfingstfest hören wir jetzt drei Texte aus der Bibel: Zuerst ein kurzer Text aus dem Buch Genesis, also aus der ersten Schrift in der Bibel. Dann kommt der klassische Festtagstext aus der Apostelgeschichte und als Drittes die Frohbotschaft aus dem Johannesevangelium. Zwischen den Bibeltexten sprechen wir jeweils ein Zwischengebet. Hören wir achtsam und gut!

 

Lesung aus dem Buch Genesis
(Genesis 2,4b-7)

      Zur Zeit, als GOTT, ADONAI, Erde und Himmel machte, gab es auf der Erde noch keine Feldsträucher und wuchsen noch keine Feldpflanzen, denn GOTT, ADONAI, hatte es auf die Erde noch nicht regnen lassen und es gab noch keinen Menschen, der den Erdboden bearbeitete, aber Feuchtigkeit stieg aus der Erde auf und tränkte die ganze Fläche des Erdbodens.
      Da formte GOTT, ADONAI, den Menschen, Staub vom Erdboden, und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen. 

                                      1. Zwischengebet  

                                    Du starker Lenker, treuer GOTT,
                                    aus Dir strömt alles Leben.
                                    Du gibst dem Morgen hellen Glanz,
                                    dem Mittag Glut in Fülle.

                                    Bewahre uns vor Übermut.
                                    Hilf uns, wenn wir erschlaffen.
                                    Mach uns gesund an Geist und Leib
                                    und schenk uns Deinen Frieden.

                                    Lob sei dem Vater und dem Sohn,
                                    Lob sei dem Heil’gen Geiste,
                                    wie es vor allem Anfang war,
                                    jetzt und für alle Zeiten. Amen.

 

Lesung aus der Apostelgeschichte
(Apg 2,1-4)

      Als der Tag des Pfingstfestes gekommen war, waren alle zusammen am selben Ort. Da kam plötzlich vom Himmel her ein Brausen, wie wenn ein heftiger Sturm daherfährt, und erfüllte das ganze Haus, in dem sie sassen.
      Und es erschienen ihnen Zungen wie von Feuer, die sich verteilten; auf jeden von ihnen liess sich eine nieder. Und alle wurden von heiligem Geist erfüllt und begannen, in anderen Sprachen zu reden, wie es der Geist ihnen eingab.

                                      2. Zwischengebet 

                                    Komm, Heil’ger Geist, vom ew’gen Thron,
                                    eins mit dem Vater und dem Sohn;
                                    durchwirke unsre Seele ganz
                                    mit Deiner Gottheit Kraft und Glanz.

                                    Erfüll mit heil’ger Leidenschaft
                                    Geist, Zunge, Sinn und Lebenskraft;
                                    mach stark in uns der Liebe Macht,
                                    dass sie der Geschwister Herz entfacht.

                                    Lass gläubig uns den Vater sehn,
                                    ein Ebenbild, den Sohn, verstehn
                                    und Dir vertraun, der uns durchdringt
                                    und uns das Leben GOTTES bringt.
                                    Amen

 

Aus dem heiligen Evangelium nach Johannes
(Johannes 20.19-23)

      Am Abend des ersten Tages der Woche, als die Jünger aus Furcht vor den Juden bei verschlossenen Türen beisammen waren, kam JESUS, trat in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!
      Nach diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und seine Seite. Da freuten sich die Jünger, als sie den Herrn sahen.
      JESUS sagte noch einmal zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.
      Nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sagte zu ihnen: Empfanget heiligen Geist! Denen ihr die Sünden erlasst, denen sind sie erlassen; denen ihr sie behaltet, sind sie behalten. 

 

Predigtwort

GOTTES Hauch regt an zu Leben und Frieden

      In diesen aufwühlenden Tagen der gefährlichen Virus-Krankheit der Corona-Pandemie feiern wir unsere beiden grossen christlichen Feste Ostern und Pfingsten.
      Die notwendigen Vorsichtsmassnahmen zur Bewältigung dieser globalen Pandemie haben tief in unser privates, gesellschaftliches und kirchliches Leben eingegriffen. So mussten Treffen, Begegnungen, Zusammenkünfte, Feste und Feiern und auch öffentliche Gottesdienste ausfallen.
      Sorgen und Ängste haben viele befallen. Und wir konnten uns nicht so beistehen, wie wir das gerne getan hätten. Kein Sich-an-der-Hand-Halten oder In-den-Arm-Nehmen; keine Besuche und keine tröstenden und aufmunternde gemeinsame Stunden mit Verwandten, Freunden, Nachbarn im Spital und Altersheim. Das hat oftmals Einsamkeit und Angst intensiv spürbar gemacht.
      Nun aber, am Pfingstfest, können wir wieder in der Kirche beisammen sein und miteinander das Fest Pfingsten feiern. Darum ist es gut, auf den grundlegenden Inhalt dieses wichtigen christlichen Festes einzugehen.
      Im Evangelium haben wir gehört, dass JESUS die Jünger angehaucht hat und dazu sagte: „Empfanget heiligen Geist!“
      Das Anhauchen ist in der biblischen Offenbarung eine wichtige Tat. Wir haben heute in der Lesung aus dem Ersten Buch der Bibel gehört: „Da formte GOTT den Menschen, Staub vom Erdboden, und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen“.
      Der Atem, dieser Hauch GOTTES, schenkt dem Adam Leben. Das  hebräische Wort „Adam“ heisst wörtlich übesetzt „Erdling“. Mystisch gesprochen wird der „Erdling“ durch diese Urbeatmung an den Atem GOTTES angeschlossen.
       Wie lebensnotwendig für den Menschen die Verbindung mit dem Atem GOTTES ist, zeigt auch Psalm 104, wo es heisst:

                  „Du schickst aus deinen Hauch, sie werden erschaffen,
                  und du erneuerst das Antlitz der Erde.“ (Ps 104,30)

      Gemäss der biblischen Lebenserfahrung lebt alles Lebendige durch den Hauch GOTTES. Die Juden als Volk GOTTES waren immer überzeugt, dass der Geisthauch GOTTES die Welt durchatmet und so die Lebendigkeit des Menschen und der ganzen Schöpfung ermöglicht.
      Diese biblischen Vorstellungen und Erfahrungen sind der bildhafte Hintergrund für die eindrückliche Erzählung, wie JESUS im Johannesevangelium die Jünger und Jüngerinnen mit seinem Atem anhaucht. Und es ist auch wunderbar, wie JESUS die Verängstigten anspricht: Nicht mit tadelnden Worten oder Vorschriften: Ihr müsst das und das tun!, sondern mit dem aufmunternden Wunsch: „Friede sei mit euch!“
      Um diesen Frieden fühlbar zu machen, haucht JESUS sie an, so wie eine Mutter ihr Kind, das gestürzt ist, in den Arm nimmt und streichelt, tröstet und über die Wunden haucht: „Ich bin doch mit dir“.
      So lässt JESUS seine verängstigten Jünger und Jüngerinnen und auch uns erfahren: Der Hauch GOTTES bewegt dich und dein  Leben. Du kannst leben im Geist der Geschwisterlichkeit, der Versöhnung, der Gerechtigkeit, im Geist des Trostes, des Heilens und Helfens. Durch den Hauch GOTTES ist euch eine wunderbare Kraft geschenkt für euer menschliches Sein und Leben.
      Im Anhauchen der Jünger und Jüngerinnen wiederholt sich überbietend die Anhauchung Adams durch den Atem des Schöpfergottes. Es ist eine Neu-Werdung durch den Hauch GOTTES.
      Heute, am Pfingstfest 2020, ist durch die Corona-Pandemie eine ganz besondere Zeit. Eine Zeit, die durch ihren Hauch, durch ihr Brausen oder ihren Sturm uns anregen kann zu verschiedenen Reaktionen und Taten, je nach unseren eigenen Möglichkeiten und Talenten.
      Ich wünsche uns allen, dass diese besondere Zeit der Corona-Pandemie eine von GOTTES Geisthauch bewegte Zeit wird, eine Zeit, wo wir Vertrauen, Hoffnung und Liebe erfahren und auch schenken und so beitragen zum Frieden in unserem eigenen Herzen und in unserer persönlichen und in der weltweiten, globalisierten Welt.

JESUS CHRISTUS spricht auch zu uns heute:
Friede sei mit euch!
ER haucht auch uns an und spricht:
Empfanget heiligen Geist!

      Am Schluss des Gottesdienstes noch zwei Gedanken auf den Weg: In dieser Pandemie-Zeit wurden die Menschen ab 65 und dann besonders ab 80 Lebensjahren als besonders für sich und für die andern krankheitsgefährdend eingestuft. Das ist für ältere Menschen oftmals nicht so einfach zu ertragen.
      Darum möchte ich jetzt unseren älteren Mitmenschen zwei anregende Gedanken zum Alter mit auf den Weg geben.
      Der erste Gedanke stammt vom Chinesischen Schriftsteller Lin Yu Tang, der 1976  81-Jährig verstorben ist. Lin Yu Tang hat formuliert: 

Dans la jeunesse, la beauté est un accident de la nature.
Dans la vieillesse, c’est une oeuvre d’art.

         In der Jugend ist die Schönheit ein Zufall der Natur.
         Im Alter ist sie ein Kunstwerk.

Der zweite Gedanke stammt vom berühmten Dichter Victor Hugo, der 1885 als 83-jähriger verstorben ist.  Victor Hugo hat festgestellt:

Dans les yeux des jeunes, on voit des flammes,
mais dans les yeux des anciens, ony voit la lumière.

         In den Augen der Jungen sieht man Flammen,
         aber in den Augen der Alten sieht man das Licht.

Hans Schwegler






Predigtgedanken zu Christi Himmelfahrt 2020


Liebe Hörerin, lieber Hörer

        Seit vielen Jahren sitze ich jeweils am Mittwochabend vor Christi Himmelfahrt in unserer St. Anna-Kirche. Ich sammle meine Gedanken und bitte um eine gute Firmfahrt mit den Firmlingen und den Begleitern über Christi Himmelfahrt. Danach fahren wir mit dem Car vom forum-Parkplatz los. Durch die Nacht. Zürich, Bellinzona, Milano, Parma, Bologna bis wir früh morgens im jeweils menschenleeren Florenz ankommen. Später fahren wir weiter nach La Verna, eine Region, in die sich der heilige Francesco, wenn es ihm zu viel wurde in Assisi, zurückzog; La Verna, wo er der Legende nach, seine Wundmale bekam. An diesem wunderschönen Ort – auf diesem Hügel habe ich in all den Jahren sehr viele, tiefe, spirituelle Momente mit den Jugendlichen unserer Pfarrei erfahren dürfen. Auch Gespräche über das Leben, und seinen Sinn. Wir sangen Lieder, diskutierten, assen fein italienisch, lachten und redeten bis tief in die Nacht. Natürlich müssen die diesjährigen Firmlinge heute auf diese abenteuerliche, und zugleich besinnliche Reise verzichten.

    Dieses Jahr werde ich mich wieder in die Kirche setzen, am Mittwochabend, und eine Kerze anzünden, und an die Jugendlichen dieses Firmkurses denken; ihre Lebenssituationen, ihre Anliegen versuchen zu erahnen und sie zusammen mit meinen Bitten GOTT anvertrauen.

    Tja, und dann werde ich zum ersten Mal nach einigen Jahren wieder einmal mit meiner Familie Himmelfahrt feiern. Aber wie mach ich das? Gründonnerstag haben wir ein Brot gebacken und es geteilt. In der Osternacht machten wir ein Feuer und schliefen draussen. Aber Himmelfahrt? Schwierig. Brot miteinander teilen heisst miteinander danken, Kraft schöpfen. Ein Feuer entzünden heisst erfahren wie Licht und Wärme Dunkel und Kälte erträglich macht, Auferweckung sinnlich erfahrbar macht.
Aber Christi Himmelfahrt? 2020? In der aktuellen Situation? Oder überhaupt. Christi Himmelfahrt. Was hat Himmelfahrt mit Ihnen, mit mir heute zu tun?

Hören wir erstmal auf den Bibeltext von heute aus der Apostelgeschichte im neuen Testament:

Vierzig Tage hindurch ist Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern nach seinem Tod erschienen. Beim gemeinsamen Mahl nun sagte Jesus: «Geht nicht weg von Jerusalem, sondern wartet. Ihr werdet schon in wenigen Tagen mit dem Geist GOTTES getauft und gestärkt werden.» Und als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken. Während sie ihm zum Himmel empor nachschauten, standen plötzlich zwei Männer in weissen Gewändern neben ihnen und sagten: «Ihr Männer, ihr Frauen von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?»

Soweit der Text. Warum beschreibt da der Verfasser dieses Textes so anschaulich, wie und dass Jesus in den Himmel aufgenommen wird?

Es hilft, sich etwas zu vergegenwärtigen: Dass Jesus am Kreuz gestorben ist, war für alle seine Freunde und Freundinnen eine Katastrophe, ein Trauma, eine riesige Verunsicherung. Den Tod am Kreuz sind Angeklagte, Verbrecher gestorben. Viele damals starben an einem Kreuz. Dass ihr Freund Jesus auf diese Art sterben musste, konnten die Jünger und Jüngerinnen nicht verstehen. «War GOTT wohl doch nicht mit ihm?» werden sie sich gefragt haben. «Haben wir vergebens unsere Familien, unsere Heimat verlassen? Haben wir all unsere Hoffnung auf den Falschen gesetzt?» So dachten sie wohl, die Jüngerinnen, die Jünger. Erst im Laufe der Zeit, der Wochen, Monate, Jahre – wir wissen es nicht genau – haben sie etwas erfahren. Nämlich: Jesus ist spürbar, hörbar. Er ist da. Er lebt. Aber er ist nicht mehr fassbar da, er ist bei GOTT. Er ist im Himmel.

Christi Himmelfahrt ist also vielleicht ein Bild für diese Erfahrung. Die Erfahrung, die die Jünger und Jüngerinnen gemacht haben.
    Dass sie 40 Tage nach der Trennung von Jesus angesetzt wird ist auch kein Zufall. 40 Jahre wanderten die Israeliten bis sie ankamen im gelobten erträumten Land. 40 Tage zog sich Jesus in die Wüste zurück um zu seiner Berufung zu finden. Und eben 40 Tage spürten und sahen die Jüngerinnen Jesus immer wieder nach seinem Tod; 40 Tage lang trauerten sie, spürten sie ihn immer wieder, sahen ihn, zweifelten aber auch, ängstigten sie sich, bis sie schliesslich zum Vertrauen fanden: Er ist bei GOTT. Als ob die 40 irgendwie steht für Entwicklungs- und Verwandlungs- und Suchprozesse.

    Und die dauern. Wer schon trauerte um einen lieben Menschen, weiss das. Wer schon Krisen durchlebt hat, weiss das. Es gibt Probleme, die können gelöst werden und es gibt Situationen, die müssen ausgehalten werden, oder mit vielen Anläufen, Versuchen und Rückschlägen, und kleinen Schrittchen errungen werden. Christi Himmelfahrt erinnert uns, dass die Freunde von Jesus genau diese Erfahrung gemacht haben. Und diese Erfahrung wurde verdichtet in diesem bewegenden Bild von Jesus, der auffährt in die Himmel. Und so lädt die Erfahrung der Jüngerinnen und Jünger uns ein, selber über unser Leben nachzudenken.

    Tut es mir gut zu hören «40 Tage nach Jesu Tod»; habe ich auch schon erlebt, wie ich nach einer grossen Enttäuschung lange Zeit brauchte – symbolische 40 Tage, Wochen, Jahre – um ins Staunen zu kommen, Versöhnung mit etwas aus meinem Leben oder mit jemandem geschenkt bekommen zu haben?

    Tröstet mich das Bild; das Bild von Jesus, der auffährt in den Himmel, ins Ewige; der eingeht in die Liebe GOTTES, wie ich eines Tages? Oder habe ich andere Bilder in mir, die meine Hoffnung von meinem Eingehen in GOTT veranschaulichen?

    Habe ich auch schon aus lauter Freude und Verzückung etwas den Blick für das, was in meiner unmittelbaren Nähe geschieht verloren? «Ihr Männer, ihr Frauen von Galiläa! Was schaut ihr in den Himmel? Hier, jetzt, ist das Leben! Los. Tut etwas. Kleines. Lebt, was euer Meister gelebt hat. Geht in seiner Spur. Das Leben geht weiter. Ihr wisst nun, es mündet in GOTT, aber noch nicht für euch. Es gilt der Moment, der gegenwärtige Augenblick, die Begegnung heute!»

    Liebe Hörerin, lieber Hörer. «Hab Geduld» sagt mir das heutige Fest Christi Himmelfahrt. Der Weg nach einer Krise zu einem inneren Frieden, zur inneren Kraft wieder aufzubrechen, braucht Zeit. Und dieser Weg ist mit Zweifel, mit Unsicherheit, mit Trauer, aber auch mit Aufstellern und Überraschungen gesäumt.

    Und ich darf den Blick vom Himmel auf die Erde lenken. Und mich den kleinen, eigentlich aber wesentlichen Aufgaben zuwenden: Dem Abwasch, dem Zuhören meiner Tochter am Mittagstisch, dem Aushalten des schweigsamen Sich-Abwendens meines ältesten Sohnes, den blökenden neugeborenen Schafen, denen ich auf meinem Morgenspaziergang begegne, dem Schreiben einer Karte für jemanden, an den oder die ich gerade denke. Und das alles im Vertrauen, dass wir von GOTT, dem Urgrund allen Lebens, dass wir von dieser Urkraft geliebt sind, und letztlich all unser Sein und Tun und Lieben und Nicht-Wissen in seiner Hand geborgen ist.

    Ein Lied, das ich oft schon in Zeiten des Geduld-Haben-Müssens, auf dem symbolischen 40tägigen Weg, gesungen oder gesummt habe, sie kennen es auch, ist das Lied «Meine Hoffnung und meine Freude». Sie sind herzlich eingeladen miteinzustimmen.

Meine Hoffnung und meine Freude,
meine Stärke, mein Licht
Christus, meine Zuversicht,
auf dich vertrau’ ich und fürcht’ mich nicht.
Auf dich vertrau’ ich und fürcht’ mich nicht.
Mathias Burkart